In der Puppenstube konnten wir schlafen, schlafen und schlafen – kein einziges Geräusch in der ganzen Nacht. Und der Luxus fand auch nach dem Aufwachen kein Ende. Ein großartiges Frühstück wartete auf uns: Graham und Sylvia haben sich ins Zeug gelegt, um uns mit English Breakfast, vielen verschiedenen Früchten, Cornflakes, Toast und allen denkbaren Extras satt zu kriegen. Und hätten wir Kartoffelsuppe verlangt, hätten wir wahrscheinlich auch diese bekommen.Wir verabschiedeten uns mit dankbaren Worten und den besten Wünschen in den strömenden Regen. Nicht nur von oben kam mehr Wasser als gestern, auch im Loch Ryan war keine Ebbe mehr. Dort, wo wir gestern noch Muscheln gesammelt haben, in Flipflops über Steine balanciert und Quallen ausgewichen sind, waren
nur noch die Wellen der stürmischen See zu sehen. Ziemlich durchweicht erreichten wir den Bahnhof und warteten darauf, endlich einsteigen zu können (das dauerte jedoch eine ganze Weile, da Warten ja nicht nur das Hobby der Iren, sondern auch der Schotten ist).
Die Fahrt war einigermaßen ereignislos, wir schauten aus dem Fenster und beobachteten aus- und zusteigende Menschen. In Glasgow Central hatten wir etwa 20 Minuten Umsteigezeit, um dann zum Bahnhof in der Nähe des Hotels zu fahren: Doch an keiner Anzeige stand unser Zug, geschweige denn das Gleis. Die ausgewiesene „Information“ war eine Sammlung von Zetteln in einem Schaukasten, auf denen wir vergeblich nach unserem Zielort suchten. Erneut erwiesen sich die Menschen in neongelben Westen als hilfreich: Sie schickten uns, auf Nachfrage, eine Etage nach unten. Anscheinend gibt es in Glasgow etwas ähnliches wie eine U-Bahn, die den kompletten Regionalverkehr abdeckt. Wieder was gelernt!
Wir fuhren also zwei Stationen nach Westen und fanden schnell das Smith Hotel. Eine ziemlich motivationslose Rezeptionistin verlangte unsere Daten, drückte uns einen Schlüssel in die Hand, zeigte in die Richtung, in der das Zimmer liegen sollte und ging dann zurück in ihr Hinterzimmerchen. Das Zimmer ist natürlich kein Vergleich zum Letzten, aber wir haben ein Bett, einen Fernseher, Wasserkocher inkl. Tee, sowie ein Klo und eine Dusche. Es lässt sich also überleben.
Nach einer kurzen Pause machte sich Paul auf den Weg, um die Gegend ein wenig zu erkunden. Ich selbst habe Bettpflicht verordnet bekommen, da ich mir eine kleine Erkältung geholt habe (den Wind hier unterschätzt man wirklich schnell!). Um morgen wieder fit zu sein, trank ich viel Tee, aß Tortilla-Chips und schaute Rugby und America’s Got Talent, während Paul in einer Art Gallery Monet, Van Gogh, Rembrandt und Dali bewundern konnte. Später schlenderte er durch die Innenstadt und meinte anschließend, dass ich bis auf die Kunstausstellung nichts verpasst habe. Puh – und ich dachte schon, die Stadt ist schön…
Gegen Abend suchten wir uns ein nettes Restaurant in der Nähe des Hotels. Glasgow ist bekannt für seine guten indischen Lokale und so fanden wir das Akbars. Gleich mehrere junge Männer (die eindeutig nicht alle indischen Ursprungs waren) kümmerten sich um uns. Wir bekamen ein Brot als Vorspeise, dazu Dips in verschiedenen Variationen, zum Trinken bestellten wir Sprite und Bier. Da wir uns „etwas trauen wollten“, orderten wir ein uns unbekanntes Gericht namens „Batis“ (jetzt wissen wir, dass es nichts weiter als kleine Pfannen sind) – Paul mit viel Chilli und Chicken, ich mit wenig Chilli und Chicken. Dazu gab es Reis und Naan-Brot. Wir wissen nicht genau, ob wir uns bei den Kellnern unbeliebt gemacht haben… auf jeden Fall könnte man auf diesen Gedanken kommen, betrachtet man die unglaublich tränentreibende Schärfe von Pauls Essen. Wir sind uns sicher, dass das ein persönlicher Angriff gegen seine Person war, doch wegen Mangel an Beweisen lächelten wir weiterhin höflich. Vollkommen gesättigt spazierten wir zurück ins Hotel, duschten und schauten natürlich die obligatorischen Gameshows.
