Ein wahres Premiumhostel

_MG_86557 Uhr morgens im Flannagans Village Hostel in Doolin: Kurz vor dem Wecker wache ich auf, spüre leichten Muskelkater in den Beinen, höre Regen auf das Dach prasseln, stehe auf und wecke Lisa. Wir schnappen uns unsere Sachen, machen uns fertig und verschwinden leise aus dem Hostel. Wir müssen zum Bus. Schon wieder. Nach der Aufregung vom Vortag bin ich etwas nervös. Ich werde zu alt für diesen Kram.Die Haltestelle ist etwa 300m vom Hostel entfernt und hat keinen Namen. Zumindest kann man ihr keinen zuordnen. Die drei Dooliner (grandioses Bier übrigens!) Haltestellen haben nämlich, je nachdem wo man nachschaut, verschiedene Namen. Und je nach Fahrplan gibt es auch unterschiedliche Angaben darüber, wo der Bus überhaupt hält.

Wir sind also einigermaßen erleichtert als ein Bus kommt, hält und uns mitnimmt. Sogar unsere etwas speziellen Tickets werden ohne besonders fragende Blicke akzeptiert. Da wir die ersten Fahrgäste sind, haben wir freie Platzwahl und können entspannt zuschauen, wie manche Fahrgäste in letzter Sekunde zu ihrem jeweiligen Halt sprinten.

Der alte Mann und das Meer
Der alte Mann und das Meer

Am Cliffs of Moher Visitor Center, wo gestern hunderte Touristen Fotos schossen haben, ist jetzt nur der Hausmeister auf seinem morgentlichen Geländerundgang zu sehen – ein beeindruckendes Bild. Der Regen übrigens ist schon lange verschwunden: Die Sonne scheint seit wir das Hostel verlassen haben und nur ein kräftiger Wind verhindert, dass man sich den Pullover auszieht.

Von Ennis bringt uns ein randvoller Regionalzug nach Galway. Lisa, die vor der Busfahrt eine Reisetablette genommen hatte, verschläft die komplette Fahrt und wirkt noch sehr verschlafen, als wir durch die Innenstadt von Galway zu unserem Hostel laufen. Viel Positives haben wir über diese Unterkunft noch nicht gehört oder gelesen: Ich versuche im Folgenden weder zu schönen, noch zu übertreiben.

Von außen betrachtet, ist das hellgelbe Gebäude eher unauffällig. Wenn man durch die Tür tritt gelangt man in ein etwas verdrecktes, muffiges Treppenhaus mit einem ab- und durchgetreten roten Teppich auf den Stufen. Ein altes Fahrrad liegt neben den Säcken mit dem dreckigen Bettzeug.
Im ersten Stock findet sich ein Aufenthaltsraum mit Küche (und einer Art Tresen, mit vielen Zetteln und Quittungsblöcken: die Rezeption). Die Küche ist modern und relativ neu (vor allem im Gegensatz zu dem Teppich im Treppenhaus), sollte aber mal vernünftig aufgeräumt und gereinigt werden.
Ein älterer, etwas verlottertert wirkender Mann mit schiefen Zähnen und Jogginghose begrüßt uns und schickt uns nach ganz oben unser Zimmer beziehen, bis er soweit sei. Im Zimmer sieht es aus, wie im Treppenhaus: abgewirtschaftet. Die Betten stehen eng beieinander (in der Ecke schläft noch ein Mann), es riecht muffig und einen Staubsauger zu bemühen, wäre eine gute Idee. Zweifelsohne wäre auch neues Laminat und frische Tapete eine Option. Die Beste wahrscheinlich.
Das Bad überrascht mich dann doch: Erwartet habe ich klapprige Kabinen mit 70 Jahre alten, verdreckten Toiletten und eine Dusche mit versüfften Silikonfugen: Doch es scheint als wurde selbiges vor kurzem ersetzt. Das Bad glänzt nicht, ist aber in einem guten Grundzustand.
Auch unser Wirt ist nicht so schlimm wie befürchtet: Er ist etwas verschroben und etwa im selben Zustand, wie das Hostel, aber er scheint ein netter Kerl zu sein.

Wir zahlen, nehmen alle Wertsachen mit (man kann nichts einschließen und die Sicherheitsvorkehrungen wirken eher halbherzig) und suchen uns etwas zu essen. Wir hatten kein richtiges Abendbrot und zum Frühstück nur 2 Müsliriegel: Jetzt gibt es Pizza und endlich wacht Lisa auf. Die einschläfernde Wirkung der Tablette _MG_8686lässt nach und wir können mit dem Sightseeing beginnen.

Die Kathedrale enttäuscht leider: Sie hört auf den schmissigen Name „Cathedral of Our Lady Assumed into Heaven and St.Nicolas“ und wurde von 1958 bis 65 auf den Gelände des ehemaligen Gefängnisses errichtet. Man hat versucht ihr ein altehrwürdiges Aussehen zu geben, aber das wirkt so künstlich, wie der integrierte Giftshop störend wirkt.

Die Haupteinkaufsstraße (ich glaube sie heißt treffenderweise Shop Street) ist dagegen eine wunderbare, belebte Fußgängerzone mit zahlreichen Cafés und Straßenmusikanten. In einem der Cafés gönnen wir uns Tee und Scone, bevor wir einem Straßenmusiker (eher Entertainer: Der Gesang war eher so medium, der Tanz dafür umso kraftvoller und übertriebener) im Park lauschten und Passanten beobachteten.

Einziges Highlight so far: Eine ältere Frau, die uns zutextete, zwei biologisch abbaubare Hundekotbeutel sowie diverse Wanderroutenflyer schenkte und am Rande erwähnte, dass sie über vier-fünf Ecken mit der Queen verwandt ist (die ist nämlich eine O’Brien, die über Belfast nach England kam und… da hab ich den Faden verloren). Die freute sich unsere Bekanntschaft gemacht zu haben und lief weiter, nur um kurz darauf die nächsten Unschuldigen zuzutexten. Jeder hat eben andere Hobbys.

Nachdem der Artikel bis zu diesem Punkt geschrieben war, gingen wir noch einmal in unser Hostel, um uns für den Abend fertig zu machen. Das von uns _MG_8679ausgewählte (und mit unseren Rucksäcken „dekorierte“) Bett war inzwischen belegt und wir mussten unseren Hostelwirt zu Hilfe rufen, um die Lage zu klären. Positiv anzumerken: Jemand hatte gelüftet. Negativ: Es lagen weiterhin Haare auf den Betten. Egal: Auf in die Stadt – Hostel schöntrinken.

Doch so schnell ging es dann doch nicht: Wir machten einen Abstecher Richtung Meer und genossen den frischen Wind an der Küste. Ich versuchte mich ein weiteres Mal an der Vogelfotografie, ein Mann schwamm durch das eiskalte Wasser und Lisa sammelte Muscheln. Durch den Hafen, bzw. das Häfchen schlenderten wir in eine Gasse voller Pubs. Im Spanish Arch Pub suchten wir uns einen Tisch in der Nähe der Bühne, bestellten Soup of the day und Onion Rings, tranken Guiness, Hoegaarden (was für ein Pot!) und Smithwicks Pale Ale (fruchtig!). Vom Hostel wollen wir an dieser Stelle lieber schweigen: Nur soviel – wir haben geschlafen und hatten nur dezent schnarchende Zimmergenossen.

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