Endlich am Meer

_MG_6932Das Schwarze Meer war unser Ziel, doch um von Brasov dorthin zu gelangen muss man bereit sein, einige Strapazen auf sich zu nehmen. Also standen wir um 4 morgens auf. In unserem Hostel waren soeben die letzten Partygänger heimgekehrt und ins Bett gefallen, da klingelte unser Wecker. Um die Anderen nicht mehr als nötig zu belasten, waren unsere Rucksäcke gepackt, Kleidung für den Tag, sowie Zahnbürsten bereitgelegt und wir mussten nur noch aus dem Zimmer schleichen.

Noch recht müde gingen wir zur Rezeption und orderten ein Taxi zum Bahnhof – das kam sofort, wir stiegen ein und nach wenigen Minuten waren wir da. Die Fahrt selbst war beeindruckend. Auf den nahezu leeren Straßen fuhr unser Fahrer nahezu Ideallinie – Fahrbahnmarkierungen waren ihm scheinbar egal. Sechs Lei kostet die Fahrt – wir gaben ihm Acht und damit insgesamt etwa 1,80 Euro.

Im Bahnhof sahen wir dann eine etwas widersprüchliche Anzeige: Auf der Ankunftstafel, hatte unser Zug 90 Minuten Verspätung, laut Abfahrtsanzeige, sollte er pünktlich abfahren. Ein Ding der Unmöglichkeit. Schon das erste Mal etwas genervt, gingen wir zum Ticketschalter. Eine ältere Dame drängelte sich vor und bekam ein gut hörbares „Gern geschehen!“ von uns dafür. Als wir an der Reihe waren, war das Ergebnis ernüchternd: Kein Platz sei mehr frei, aber der Zug sei verspätet „one hour“. Das erschien uns seltsam: Die Anzeige sagt doch 90 Minuten. Vielleicht ist die „6“ kaputt und man zeigt die „9“, weil sie so ähnlich aussieht? Nein – quatsch, aber vielleicht fährt der Zug die 30 Minuten noch heraus- nein, noch größerer Quatsch. Wahrscheinlich beherrscht die gute Frau die englischen Zahlen einfach nur sehr ungenügend – ja, das wird es sein.

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Im Bahnhof (Typ: Sozialistischer Prachtbau mit Glasfassade á la Palast der Republik) waren alle Bänke und Sitzmöglichkeiten belegt. Wir suchten uns eine freie Stelle im Bahnhof, breiteten einen Schlafsack aus und machten es uns bequem. Lisa schlief schnell ein und ich vertrieb mir mit meinem Handy die Zeit. Ab und zu ein Blick auf die Anzeige (Die Verspätung wuchs auf beachtliche 115 Minuten) und kurz vor Ankunft gemäß Verspätungszeit, standen wir an Bahnsteig 3 (Bemerkenswert: schon über 2 Stunden vor Ankunft war das Gleis bekannt. Eine Meisterleistung). Der dort wartende Zug entpuppte sich als Direktverbindung nach Bukarest und war leider nicht von Interesse für uns. Mit zwei Stunden und zehn Minuten Verspätung rollte schließlich der IC(ein Schnellzug!!) nach Constanta ein. Rappelvoll.

Mit Mühe bekamen wir einen Stehplatz auf dem Gang und entschlossen uns kurz darauf uns auf meinem Rucksack niederzulassen. Ständig mussten wir aufstehen und Platz machen, denn irgendwer wollte immer aufs Klo, zur Tür, zum nächsten offenen Fenster, … . Nach drei quälend langen Stunden erreichten wir Bukarest und einige Abteile leerten sich zumindest teilweise. Kaum hatten wir in einem davon Platz genommen, kam eine Gruppe junger Frauen mit Reservierungskarten für die entsprechenden Sitze – das Glück war nicht auf unsere Seite. Auf der Suche nach freien Plätzen kamen wir an einem Abteil vorbei, in welchem nur eine Frau saß – die anderen sieben Plätze waren frei. Lisa fragte die Frau, ob noch frei sei, doch diese antwortete etwas schnippig und fast schon empört: Sie wisse nicht, ob die Plätze frei sind und wir sollten doch bitte auf dem Gang auf die Schaffnerin warten, um die zu fragen. Unser Gegenargument war klar: Aber JETZT ist hier frei – also können wir uns doch setzen und sobald jemand mit Reservierung kommt, gehen wir. Etwas murrend nahm sie das hin und verschwand kurz darauf für ein paar Minuten. Eine weitere Frau ohne Reservierung setzte sich noch zu uns und durfte sich -mutmaßlich- dasselbe anhören, nur diesmal auf Rumänisch.

Nach kurzer Zeit kam die Kontrolleurin – fragte nach den Tickets und bevor sie diese richtig gesehen hatte, sagte sie: „No reservation?! Not here. Go. Next. Next. Next. Next. Next.“ Zu jedem „next“ machte sie eine „geht in diese Richtung“-Geste.  Etwas verwirrt (das blöde Abteil war leer und keiner wollte hinein) zogen wir ab. Sie wollte scheinbar, dass wir 5 Wagen weiterlaufen – aber warum? Ist dort Platz? Ein reservierungsfreies Abteil? Oder sollen in der Lokomotive Kohlen schaufeln? Wir gingen durch einen (Großraum-)Wagen, doch vor dem nächsten stoppten wir: Hier war Platz und weiterlaufen war absurd: Der Gang war voller Menschen und großer Koffer – mit unserem Gepäck eine sinnlose Tortur (für uns und die im Gang Stehenden). Uns beschlich der Verdacht, dass die Frau, die sich zuerst in dem Abteil befunden hatte, die Kontrolleurin auf uns angesetzt hat. Anders kann ich mir nicht erklären, dass sie sofort und ohne unsere Tickets überhaupt genau betrachtet zu haben, feststellte, dass wir keine Reservierung hatten.

Bald war die Kontrolleurin wieder da und schickte uns (mit dem nächsten Vertriebenen im Schlepptau) weiter: „Next. Next. Next. Next.“ Uns blieb nichts anderes übrig, als uns durch den engen Gang zu zwängen. Drei Wagen später trafen wir die Kollegin unserer Lieblingskontrolleuse. Diese wollte wieder unsere Tickets sehen, sagte dann einfach okay und ging ihrer Wege. Endlich konnten wir unser Gepäck abstellen – an einen Sitzplatz war nicht zu denken, aber wir fanden an den Türen eine Treppenstufe, auf der wir uns niederließen. Gestört wurden wir dort nur hin und wieder von Rauchern, die entweder auf die Toilette, in den „Raum“ zwischen den zwei Wagons oder an die offene Tür* gingen um ihren Bedürfnissen nachzugehen.

Endlich in Constanta angekommen, fehlte nur noch eine Unterkunft. Das einzige Hostel der Stadt, sowie alle bezahlbaren Pensionen und Bed&Breakfasts waren laut Internet ausgebucht und wir mussten nun selbst suchen. Der Plan sah vor entweder eine Touristeninfo oder eine privatvermietende Omi zu finden. Eine Information gab es im Bahnhof nicht und als wir ihn verließen, erfüllte sie die zweite Variante wie von selbst. Eine ältere Frau (unterstützt von einigen dolmetschenden Taxifahrern) und bot ein Zimmer mit Internet für 120RON – wir handelten sie auf 110 herunter** und folgten ihr. Sie konnte nur Rumänisch und auch mein Italienisch war eher begrenzt hilfreich. Unsere Traumunterkunft war das Schlafzimmer der Wohnung im zehnten Stock eines hübschen Plattenbaus. Der Aufzug nach oben ist mit „abenteuerlich“ noch freundlich umschrieben und das Badezimmer ließ sich -wie auch unser Zimmer- nicht verriegeln. Naja – was solls: Hauptsache ein Schlafplatz.

_MG_6913Wir fragten nach dem WLAN Passwort und wurden rumänisch zugetextet. Als Reaktion auf unsere fragenden Gesichter wiederholte sie jeden ihrer Sätze noch einmal: nur lauter und eindringlicher.*** Nach einiger Zeit verstanden wir folgendes: Sie hat keine Ahnung, ihr Sohn aber schon. Der ist nämlich Polizist, kann englisch sprechen und ihr größter Stolz: Sie zeigte uns seine Uniform-Mütze, seine Akademiezertifikate und und und. Erreichbar war er aber leider nicht und so gingen wir vorerst ohne Internetzugriff zum Strand.

Sie begleitete uns bis zum Bahnhof, erzählte dabei viel über sich und über Busse – zumindest denke ich, dass das der Inhalt war. Dann zeigte sie uns den Weg zu Zentrum und Strand. Wir sagten tschüß und gingen vom Hunger gepackt in den erstbesten Supermarkt. Mit Baguette, 4 frischen Wienern und 2 Knackern schlossen wir das Loch in unseren Mägen und setzten den Weg zum Strand fort.

Der Wind peitschte die Wellen auf und wir standen staunend davor: Eine breiter Sandstrand erstreckte sich vor uns. Wir stiegen die (ausgesprochen zahlreichen) Treppen hinab, suchten uns einen freien Platz und gingen (nacheinander) Baden. Wir hatten einfach zu viele wichtige Sachen dabei, als das wir es riskiert hätten, sie ganz allein zu lassen. Es war trotzdem toll und nach dieser angenehmen Erfrischung lagen wir noch eine ganze Weile am Strand und beobachteten die anderen Besucher****.

_MG_6919Auf dem Rückweg zur Unterkunft gingen wir noch am Bahnhof vorbei, suchten verzweifelt einen Busfahrplan und die Gepäckabgabe. Da eine Zugfahrt von Constanta nach Bulgarien ein kompletter Wahnsinn wäre (mehrfaches, knappes Umsteigen und nicht unter 16 Stunden zu bewerkstelligen), wollten wir einen Bus nehmen. Doch es war keiner zu finden und so gingen wir zurück zu unsere Herberge – vielleicht ist ja der fast schon legendäre Sohn Alexandru da.

Er war noch nicht da, aber die (seit der Bezahlung immer kratzbürstiger gewordene) Omi verkündete seine baldige Ankunft*****. Wir machten uns frisch und siehe da: Nach etwa 10 Minuten war Alex da. Er war sehr nett, gab uns das WLAN-Passwort und bot sogar an für uns im Internet nach einem Bus zu suchen. Später fragte er ob wir Lust hätten uns von ihm die Stadt zeigen lassen. Wir hatten Lust und beschlossen noch kurz zu warten, bis er geduscht hat. Jetzt ist auch Zeit die Katze aus dem Sack zu lassen: Er ist nicht der Sohn, sondern das Enkelkind unserer lieben Elena.

Wir gingen also zu dritt los und es wurde mit der Zeit immer deutlicher, dass ein eher untergeordnetes Interesse an Lisa hat. So kam es dann, dass ich sehr viel sprach und trotz zahlreicher Versuche Lisa kaum zu Wort kam. Am Hafen vorbei führte unsere Runde in das Stadtzentrum, wo wir in der Nähe der Oper in die Bar do Brasil gingen. Lisa bestellte einen Thunfischsalat, ich ein Sandwich (mit Thunfisch) und Alex ein Bier. Wir sprachen über Rumänien und erfuhren, dass viele Rumänen bei Vollzeitbeschäftigung einen Monatslohn von etwa 150 Euro haben – und das ist auch für Rumänien viel zu wenig, denn obwohl die Mieten günstig und die Dienstleistungen (wie z.B. der öffentliche Nahverkehr) gerade zu lächerlich billig sind, kosten Nahrungsmittel nur marginal weniger als bei uns. Nach unserem festlichen Mahl****** zeigte er uns noch den Weg in die Altstadt und verabschiedete sich von uns mir. Wir schlenderten also zur Altstadt und werteten den bisherigen Abend aus: Alex war sehr nett, auskunftsfreudig und interessiert – mir gegenüber. Möglicherweise ist sein Interesse an Frauen generell eher gedämpfter Natur.

_MG_6931 Die Altstadt, das muss man sagen, hat Potential: Alte, schmuckvolle, prächtige Gebäude, allen voran das Kasino, zieren die Straßen, hunderte glückliche Menschen ziehen durch die Gassen und von der Strandpromenade aus, sieht man die mächtigen Kräne des Hafens. Doch fast alle Gebäude sind verfallen oder zumindest stark heruntergekommen, die Straßen nicht vorhanden: Wir liefen auf sandigen Schotterpisten in denen riesige Löcher klafften – Bautätigkeiten sind deutlich zu erkennen, aber Constanta hat noch einen langen Weg vor sich um seine alte Pracht wiederzugewinnen. Bis die Bauarbeiten abgeschlossen sind, werden wohl weiterhin Sandstürme durch die Gassen wehen und nichtsahnende Touris in FlipFlops über Steine stolpern.

Unser Heimweg war, bis auf einige Revierkämpfe unter den zahllosen streunenden Hunden, unspektakulär. Bestimmt 40 Minuten dauerte es, bis wir wieder an dem schmucken Neubau ankamen. Wir öffneten die Haustür mit einer Art „elektrischen Schlüssel“ (funktioniert wie eine Chipkarte im Hotel, sieht aus wie ein USB-Stick) und kletterten in den Fahrstuhl. Der Boden gab mit einem lauten PENG kurz nach, wir schlossen die Türen und drückten auf die 10. Es dauerte kurz, dann setzte sich das Höllengefährt ruckartig in Bewegung. Nach Erreichen des neunten Stocks bremste die Kabine wieder ebenso ruckartig ab, wie sie beschleunigt hatte und schwebte ganz langsam nach oben.
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Wir schlossen die Wohnungstür auf, Alex lag mit seinem Notebook in einem kleinen Kämmerchen und winkte uns mir zu, von unserer Gastgeberin war weit und breit keine Spur, doch aus dem Wohnzimmer war ein Fernsehergeräusch zu vernehmen. Wir betraten den Raum und für einen Moment dachten wir es sei vielleicht Elenas Ehemann zuhause – doch wir sahen 3 offensichtlich behinderte Kinder und einen ebenfalls behinderten Mann. Die Vier schienen mindestens genau so überrascht uns zu sehen wie wir. Wir versuchten uns von dem kurzen Schreck nichts anmerken zu lassen, lächelten, grüßten und gingen in unser Zimmer. Wie es scheint, nimmt Elena also nicht nur Touristen auf, sondern kümmert sich auch um Bedürftige (vielleicht gehören die ja auch zu ihrer Familie – wir wissen es nicht).

Wir duschten noch kurz, machten uns fertig und gingen ins Bett. Der Tag war lang und anstrengend gewesen, die Hitze hatte uns die letzten Kräfte geraubt und wir schliefen die ganze Nacht durch.

*in Bahnhöfen, gern aber auch während der Fahrt: Türblockierungsnothebel betätigen und schwupps ist die Tür offen.
**wobei wir sie auch für 100 bekommen hätten befürchte ich
***eine Taktik, die sie bis zu unserer Abreise unbeeindruckt von ihrer Wirkungslosigkeit eisern durchhielt
****darunter eine auffällig hohe Anzahl barbusiger Frauen aller Altersklassen
*****nachdem sie Lisa gemaßregelt hatte, weil ihre FlipFlops im Flur nicht perfekt parallel standen
******bei Sandwich dachte ich an einen Snack – es war eher ein Hauptgericht – und Lisa erging es mit ihrem Salat ganz ähnlich: kurzum – wir waren satt

2 Gedanken zu „Endlich am Meer

  1. Erinnert uns ganz stark an die eigenen Erlebnisse im Zug in den Frühen 80igern-hat aber auch was positives>man schätzt danach umso mehr eine erfrischende Dusche,etwas sauberes anzuziehen,ein Bett und was zu essen-!
    Sind schon gespannt wie es bei euch weitergeht-lasst euch bloß nicht unterkriegen!!

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