Tschüss Omi, Hallo Meer!

Der heutige Tag begann entspannter und vorallem später als gestern. Kurz nach 9 klingelte der Wecker im Schlafzimmer der Omi, wir packten unsere Rucksäcke und wollten eigentlich so schnell wie möglich raus aus ihrem Revier. Im Bad taten wir das Nötigste, innerhalb von 20 Minuten war alles fertig. Doch die liebe Elena konnte uns natürlich nicht einfach gehen lassen, ohne noch einmal das Zimmer frei von Klopfzeichen zu betreten (so ganz nach dem Motto: „Es ist ja meine Wohnung“). „Автобус Александру“ schrie sie uns ins Gesicht. Wir verstanden mal wieder nur Bahnhof und ließen sie schreien. Wahrscheinlich wollte sie uns mitteilen, dass wir schon längst ein Ticket am Bahnhof hätten kaufen und nicht noch faul auf ihrem Bett lungern sollen. Sie schnappte sich unseren Schlüssel und verabschiedete sich. Zumindest von Paul. Auch Alex ließ sich noch einmal blicken und sagte ebenfalls auf Wiedersehen.
Zumindest zu Paul. Entweder ist es in diesem Land nicht üblich, Frauen die Hand zu schütteln, oder diese Familie hatte etwas dagegen, dass Paul und ich uns noch nicht für den Bund der Ehe entschlossen haben.

 Wie dem auch sei – wir waren draußen. Wir ließen den Plattenbau hinter uns und liefen todesmutig über die vierspurige Straße Richtung Busbahnhof. Schnellfanden wir eine Information und den Ticketschalter. Wir erklärten der Frau hinter der Scheibe (und dem jungen Mann neben uns), dass wir gerne nach _MG_6935Varna fahren würden – und zwar um 14:10 Uhr. Sie sprach nur sehr bröckliges Englisch, gab sich aber auch nicht besonders viel Mühe – sie versuchte uns klar zu machen, dass heute keine Busse mehr nach Varna fahren würden, nur ein Einziger in ziemlich genau zwei Minuten. Der Busfahrer stand neben uns. Mit einem sehr unfreundlichen „Goodbye, there is the busdriver“ und verdrehten Augen wandte sie sich von uns ab. Der Busfahrer verlangte 180 Lei von uns, wir hatten allerdings nur noch 150. Im Internet hatten wir vorher gelesen, dass der Bus pro Person 50 Lei koste und deshalb hatten wir das restliche Geld schon ausgegeben. In einfachen Worten versuchten wir dem Mann klar zu machen, dass wir entweder mit Karte zahlen konnten oder er sich mit den 150 Lei zufriedengeben musste. Mangels Kartenlesegerät machten wir umgerechnet 7 Euro gut und wackelten hinter dem Rumäne her. Im Minibus (ca. 20 Sitzmöglichkeiten incl. Fahrer) wurde unser Gepäck noch mit Müh und Not verstaut und die Fahrt im vollbesetzten Wagen begann. Mit nur einem Zwischenstopp ging es bis zur Grenze, da standen wir dann eine ganze Weile, bis eine lächelnde Grenzpolizistin den Bus betrat und die Ausweise kontrollierte. Alles war in Ordnung, es konnte weitergehen. Es folgten mehrere Abstecher in verschiedene Urlaubsressorts, in denen die Mitfahrer nach und nach ausstiegen. Am Ende waren nur noch wir und ein anderes Paar fortgeschrittenen Alters über – Varna war in Sicht. An der Kathedrale stoppte der Bus und wir sagten Tschüss. Von nun an trieb uns der Hunger vorwärts.
Auf der Suche nach etwas Essbaren, erreichten wir mit knurrenden Mägen den Marktplatz. Hier gab es viele kleine Restaurants und eine Vielzahl von Eisständen. Wir entschieden uns für den „Grill Master“ und schlugen richtig zu. Neben Sprite und Bier gab es eine Tomaten-Vorsuppe und später einen Kartoffel-Schinken-Käse-Auflauf, der zwar nach extrem wenig aussah, uns aber mehr als sättigte. Dieses Menü gab es für umgerechnet 11 Euro. Die Stadt war uns gleich sympathisch. Da Paul vor zwei Jahren schon IMG_20130816_220113einmal gemeinsam mit Erik hier war, kannte er sich noch etwas aus und wir fanden (nach dem Besuch in einer Bank – hier haben wir übrigens einen Euro-DM Wechselkurs, was das umrechnen sehr erleichtert) den Weg zum Hostel recht schnell. Unterwegs trafen wir auf eine Gruppe von anderen Backpackern, die nicht so richtig wussten, wo sie hin mussten – wir bestritten also die letzten Meter zusammen.

Gebucht hatten wir am Vortag ein Doppelzimmer. Wir bekamen ein Vier-Bett-Zimmer. Anscheinend war bei der Reservierung etwas schief gelaufen und die Rezeptionistin erklärte uns mit mitleidigem Blick, dass es leider keine andere Alternative gibt. Wir mussten wohl oder übel zusagen, rangen ihr aber das Versprechen ab, die zweite Nacht im Doppelzimmer verbringen zu dürfen. Von den vier Einzelbetten war nur eins belegt, wir konnten auf Anhieb nicht mit Sicherheit erkennen, ob es sich um Männlein oder Weiblein handelte. Kaum hatten wir unsere Rucksäcke abgestellt, waren die Handtücher und Schwimmbrillen strandbereit – und wir ebenso. Diesmal ohne Wertsachen machten wir uns auf den Weg, immer dem Wind entgegen. Mit einem kleinen Umweg am MiniMarkt vorbei (wir kauften Wasser von dem 1 Lew, den wir einstecken hatten) erreichten wir das Meer. Viele Menschen räkelten sich in der Sonne, im Wasser waren nur Wenige. Und das hatte selbstverständlich einen Grund: An dem kleinen Rettungsschwimmerstand wehte eine rote Fahne. Soll heißen: Baden verboten. Nichtsdestotrotz gesellten wir uns zu den Mutigen, die sich in die Wellen stürzten. Hin und wieder ein Pfiff des Bademeisters hinderte sie daran, weiter hinaus zu schwimmen. Die Wellen waren gigantisch. Wir konnten uns kaum auf den Beinen halten, die Kräfte waren einfach zu stark. Wir stapften durch das Schwarze Meer und schmissen uns in die Wellen, die so hoch waren wie wir selbst. Es war herrlich. Sehr schnell drifteten wir ab, ein Pfiff vom durchtrainierten Rothosigen brachte uns dann jedoch dazu, wieder unsere Handtücher aufzusuchen. Noch eine Weile lagen wir in der Sonne, beobachteten die Barbusigen und Angezogenen und lauschten den brechenden Wellen.
Um einem Sonnenstich zu entgehen (es gab bis auf kostenpflichtige Sonnenschirme nirgendwo Schatten), gingen wir zurück ins Hostel, duschten uns das Salz vom Leib und machten uns wieder ausgehbereit. Im Zimmer lernten wir Ruth kennen, die wohl in unserem Alter war, eine Fahrradtour durch Bulgarien macht und uns sofort an jemand erinnerte.

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In der Stadt suchten wir eine Bar und wurden schnell fündig. Jeder von uns bestellte einen Tequila Sunrise, Paul außerdem noch ein Bier. Die Bedienung war sehr freundlich, die Flaniermeile belebt und wir entspannt und glücklich. Wir schrieben einige Karten und quatschen. Als die Gläser geleert waren, überkam uns ein kleines Hungergefühl – wir hatten ja auch mittags das letzte Mal etwas gegessen. Gleich um die Ecke befand sich eine ausgesprochen edle Lokalität, deren Besitzer sich auf ?????? spezialisiert hat. Für 45 Cent pro Wurst war unser Appetit gestillt. In einer Art Spätkauf nebenan versorgen wir uns noch mit zwei Flaschen Apple- und Blueberrycider, setzten uns auf den Rand des Springbrunnens und machten einen gedanklichen Plan für die kommenden Tage. Als der Apfel- und Blaubeerschaumwein alle war, gingen wir zurück ins Hostel, saßen noch ein paar Minuten auf der Terrasse und gingen dann müde und erschöpft ins Vier-Bett-Zimmer.

PS: Bulgarier Bulgaren haben einen guten Sinn für Werbeplakate.

PPS: Ein halbes Kilo Himbeeren kriegt man hier für ca. 1,50 Euro.

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