Die Nacht war eine Mischung aus eingetroffenen Erwartungen und überraschenden Wendungen. Die wackelnden Wände der Bahn hielten mich etwas vom Schlafen ab, während Paul sich daraus überhaupt nichts machte. Innerhalb von Sekunden war er im Land der Träume – und blieb dort bis zur Grenze. Dort kamen sie dann. Die Dementoren*. Zuerst im äußersten Ungarn. Dann in Rumänien. Der Zug hielt, man hörte tiefe, dunkle Stimmen, es klopfte, die Tür ging auf und die Lichter an. Dann stand er vor uns. Juliens Vater**. Der Dementor sprach klar und fast deutlich: „Passport Control“. Wir taten, was er verlangte und hielten ihm unsere Ausweise unter die Nase. Anscheinend sahen wir unserem biometrischen Foto ähnlich genug und er ging.
Im Folgenden schliefen wir gut, erst als die Sonne durch die wackelnden Vorhänge schien, erwachten wir langsam. Wir putzen Zähne und verbrachten die nächsten Stunden damit, zu frühstücken (mitgebrachtes pumpernickelartiges Brot mit sehr gewöhnungsbedürftig aussehendem Hühner-Dosenfleisch und Marmelade [die ich bevorzugte]), die Landschaft vorbeiziehen zu sehen und uns mit dem österreichischen Abteilkollegen zu unterhalten. Der fuhr, wie wir erfahren durften, auch nach Brasov – zu seiner Freundin und zum Wandern. Als wir so da saßen und die Pferdewagen auf den Feldern kommentierten, trat unsere „Aufsichtsperson“ ein – die Frau, die am Abend zuvor unsere Tickets eingesammelt und die Bettwäsche verteilt hat. Von ihr bekamen wir alle Dokumente zurück und außerdem noch jeder eine Packung Salzstangen – so war der Preis, den wir für den Schlafwagen gezahlt haben gleich viel erträglicher. Als Brasov dann in Sichtweite war, kam die Frau erneut und teilte uns mit: In 20 Minuten werden wir ankommen. Nach sagenhaften 8 Minuten stand der Zug in Brasov am Bahnhof. 12 Minuten zu früh, und doch eine Stunde zu spät. Verabschiedet vom Österreicher, machten wir uns auf die Suche nach unserem Hostel. Unterwegs statteten wir der Bank noch einen Besuch ab. Der erste Eindruck der Stadt war leider nicht der Beste. Der neuere Teil ist von Plattenbau geprägt, viele Gebäude befinden sich im Bau und man fragt sich ständig: Wie lange schon? Die Länden links und rechts am Straßenrand wirkten schmuddelig, dass einzig fröhliche waren die Vögel, die bei jeder Gelegenheit an jeglichen Bankautomaten durch den Bildschirm flogen.
Das Hostel fanden wir ohne Probleme, die Rezeptionistin war nett und der CheckIn schnell vollzogen. Unser
Doppelstockbett im sehr sauberen Zwölf-Mann-Zimmer war zufriedenstellend. Sogar mit Schließfach daneben. Wir richteten uns ein, duschten (in der Badewanne) und machten uns nach der langen zerknautschenden Nacht wieder hübsch. Uns fiel auf, dass in der Unterkunft an allen freien Stellen der Wände Zeichen und Symbole angebracht oder aufgemalt waren – im Ganzen machte das Haus einen eher buddhistischen Eindruck. Nachdem wir die meisten Ecken durchforstet hatten, gingen wir in die Küche, kochten uns Tee und aßen die Fertignudeln, die wir in Krakau von einer spendablen Werbefrau geschenkt bekommen haben. Währenddessen lernten wir auch wieder ein paar deutsche (hübsche männliche) Touristen kennen.
Anschließend machten wir uns auf in die Altstadt. Im Gegensatz zur Neustadt war diese einfach nur fantastisch. Alte Gebäude, Häuser mit Märchentürmchen – so wie man sich Transsilvanien vorstellt. Es fehlten nur noch Graf Dracula und Bibi Blocksberg. Kleine Gassen, die an Italien erinnern schlängelten sich durch die Stadt, überall waren kleine Bars und größere Restaurants. Am Horizont entdeckten wir auf einem kleinen Berg eine Burg. Wir beschlossen, uns diese noch vor dem Essen anzusehen, schlugen also die Richtung ein und gingen eine leicht ansteigende Straße entlang. Oben angekommen fiel uns ein Mann auf, der uns beobachtete und immer dann wegschaute, wenn wir zu ihm guckten. Wir wussten nicht genau, wo der Weg zur Burg entlang führte und entschieden uns natürlich erstmal für den Falschen. Wir waren keine 20 Meter gelaufen, begann der Mann im roten T-Shirt uns zu folgen, noch immer den Blick auf uns gerichtet. Wir merkten, dass wir falsch gelaufen waren, drehten um und liefen unserem Verfolger wieder entgegen. Bewusst wich er unseren Blicken aus, wir liefen ein Stück weiter, blieben stehen, drehten uns um. Der Mann ebenfalls. Er schaute uns an und wieder weg. Wir gingen weiter, immer mit einem Auge nach hinten gerichtet, er folgte uns nun wieder in die entgegengesetzte Richtung. Wir beschleunigten unseren Schritt, er auch. Wir blieben stehen, er auch. Endlich fanden wir den Weg, der zur Burg führen sollte. Langsam machten wir uns Gedanken. Es war keine Menschenseele zu entdecken, nur unser Verfolger ließ sich nicht abwimmeln und versteckte sich -wie unauffällig- hinter einem Auto. Bedenken überkamen uns und sogar Paul, der sonst in Allem das Gute sieht, bekam Zweifel. Wenn der Typ wirklich auf dumme Ideen kam und uns den Weg abschneiden wollte, dann hätten wir ein Problem. Wir hatten alles dabei – Tickets, Geld, Karte, Kamera, Handys. Wir verworfen also unseren Plan und verschoben die Burg auf morgen. Erst als wir wieder in der überlaufenen Altstadt waren, konnten wir sicher sein, dass er uns nicht gefolgt war.
Wir suchten uns ein nettes Lokal, bestellten jeder ein Bier und etwas typisch Rumänisches zu Essen (Empfohlen vom Kellner. Er muss wohl ein Doppelleben führen, wir sind uns sicher, es war der Schauspieler Simon Pegg). Es gab eine Art lange Klopse mit Pommes und Ketchup/Senf. Leute beobachtend, ging die Zeit schnell rum, die Gläser leerten sich und unsere Bäuche waren dem Platzen nahe. Also war es angebracht, sich noch etwas zu bewegen und wir schlenderten durch die Stadt und rund um einen öffentlichen Sportplatz. Dort knipsten wir noch etwas durch die Gegend und beobachteten die Hunde, die hier anscheinend frei herumlaufen. Auf dem Marktplatz suchten wir uns dann auf einer Treppe noch ein Plätzchen und sahen Jung und Alt an uns vorüberziehen. Als wir davon genug hatten, kauften wir uns noch einen kleinen Biervorrat, den wir im Hostel erst auf der Terrasse und dann im Hobbykeller leerten.
Anmerkung vom Autor: Endlich wieder ein richtiges Bett!
* zum Vergleich: Harry Potter 3 – Der Gefangene von Askaban
** An dieser Stelle: Julien? Seit wann ist dein Vater rumänischer Dementor? Und warum ist er nicht in der Lage Abteiltüren zu öffnen. Du solltest ihm das beibringen.






Hab gerade in der Zeitung gelesen,daß P.Maffay in der Nähe von Brasov (Kronstadt)geboren wurde u.er sich in Roades für traumatisierte Kinder engagiert und fast 2Monate im Jahr dort zubringt.