Der Morgen begann, wie der Abend endete. Mit rumwuselnden Spaniern, Stimmengequirl vor dem Fenster und Regen. Das Gewitter hatte in der Nacht über der Stadt gewütet und die Luft hatte sich dadurch erheblich abgekühlt. Zu unserem Glück, denn heute standen wieder knapp 7 Stunden Zug fahren auf dem Plan. Und da tat der kühle Wind unseren Gemütern ganz gut.
Doch zunächst machten wir uns abfahrbereit und profitierten das zweite und letzte Mal von unserem Inklusivfrühstück. Wir waren die ersten in der Küche und kamen so zu der Ehre mit noch nicht geschmolzenem Käse und normal riechender Wurst unsere Brote zu belegen. Diese packten wir ein und schmuggelten sie so unauffällig wie möglich an der Rezeptionistin vorbei. Am Bahnhof hatten wir dann noch kurz Zeit und verspeisten in der Wartehalle unser Proviant. Gegen 8 machten wir uns auf Richtung Gleis. Wir konnten froh sein, dass wir zeitig genug die Wartehalle verließen, denn der Weg zu den Plattformen zog sich ewig in die Länge. Wenn man das nicht weiß, kann man schon leicht in Schwulitäten geraten.
Wir stiegen also in den Zug, der uns nach Katowice bringen sollte. Es war unerwarteter Weise ein hochmoderner Schnellzug, sogar mit Klimaanlage. Das allererste Mal im Urlaub wünschten wir uns eine Heizung. Der Zug wurde auf gefühlte -13°C heruntergekühlt und da es draußen schon nicht so warm war, waren wir einer Erfrierung nahe. Eine Passagierin vor uns fragte den Schaffner, ob er die Temperatur nicht etwas nach oben korrigieren könnte, er willigte ein und stellte die Gradzahl auf 23. Es dauerte ein paar Minuten, bis eine Änderung stattfand – es wurde kälter. Der „Schnellzug“ raste mit einer unglaublichen Geschwindigkeit von 9km/h durch die Landschaft. Ausschließlich vor und nach Bahnhöfen tourte der Zugführer sein Gefährt auf knapp 100km/h hoch – wahrscheinlich zwecks des guten Eindrucks an den Gleisen. Mit kalten Füßen betraten wir den Bahnhof in Katowice. Dieser war sehr belebt und hatte Internet. Traumzustand. Wir kauften eine Flasche Wasser, Salzstangen und ein merkwürdig aussehendes, aber sehr gut schmeckendes Gebäckstück (eine Art Brötchen mit Zucker und Zimt) und packten uns ein Lunchpacket für die kommende Fahrt zusammen. Die Zeit war gekommen, uns wieder ans Gleis zu begeben. Es war ca. um 11 – und an der elektronischen Anzeigetafel stand nicht, wie erwartet, unser Zug, sondern einer, der gegen 9 fahren sollte. Wir hatten sofort den richtigen Riecher und waren uns sicher, dass nun erstmal alle Züge, die Verspätung haben, auf unserem Gleis durchgelotst werden sollen. So kam es, dass 2 Züge, jeweils 2-3 Stunden zu spät, hielten, während unserer wahrscheinlich auf freier Strecke vor dem Bahnhof darauf wartet, auch eine Verspätung zu kassieren. 
Dieser Zug war weniger klimatisiert, wieder ein Großraumwagen und sollte uns nach Bohumin bringen. Die unspektakuläre Zugfahrt beendeten wir mit einem wesentlich spektakulärerem Aufenthalt in der Kleinstadt. Gegenüber des Bahnhofs befand sich ein kleiner (und mit kleiner meine ich wirklich winzig kleiner) Supermarkt. Wir beschlossen uns noch etwas feste Nahrung zuzulegen und gingen mit einer Banane, ein paar Muffins und einem Brötchen zur Kasse. Da Bohumin in Tschechien liegt und wir selbstverständlich keine Kronen dabei hatten, mussten wir die 1,50 Euro mit Karte zahlen. Die Frau hinter dem Band schaute etwas verwirrt drein, als plötzlich ihr komplettes Kartenlesegerät auf deutsch war – eine Sprache, die sie absolut nicht beherrschte. Wir versuchten ihr zu erklären, dass wir nur etwas unterschreiben müssen und dann ein Beleg sowohl für sie, als auch für uns rauskommt. Doch unsere Mit-Händen-Und-Füßen-Technik funktionierte nur so medium. Eine jüngere Kollegin brachte dann wieder Ordnung in das Chaos, wir bekamen unsere Karte wieder, gingen zurück zum Bahnhof und stärkten uns.
Nun stand der letzte Zug des Tages auf dem Plan – es sollte nach Zilina gehen. Wir setzten uns in ein Abteil, in dem schon ein junger Mann saß. Es stellte sich heraus, dass er ein wenig deutsch sprach, da er eine Zeit lang in München gearbeitet hat. Ein richtiges Gespräch kam trotz allem nicht zustande, was wohl auch daran lag, dass er schon an der nächsten Station aussteigen musste. Dann stieg ein Mann zu, der sich sofort sehr offen zeige und uns mit Handschlag begrüßte. Es war Nick aus New York. Nick macht eine Europa-Tour über einen längeren Zeitraum und arbeitet normalerweise bei „einem der besseren“ Rock-Radiosender in den USA. Mit ihm zu quatschen war wirklich interessant – am Ende stimmten Paul und ich jedoch überein, dass ein kleiner Schaden seinerseits wohl nicht zu verleugnen war.
Der Zug erreichte Zilina pünktlich. Mit der angegeben Adresse war dann auch die empfohlene Pension schnell zu finden. Die werte Frau Bullova hatte uns am Vortag versprochen, ein Doppelzimmer zu reservieren. Im Eingangsbereich trafen wir auf viele gut gekleidete Männer und Damen, vermutlich fand hier gerade irgendein Event statt – auch sonst machte das Haus einen noblen Eindruck. Ein wenig underdressed gingen wir zur Rezeption, stellten uns vor und fragten nach unserem Zimmer. „Berschick? No reservation. But we have rooms.“ – zu deutsch: Frau Bullova hatte unsere Bitte offensichtlich vergessen, aber in der Herberge gab es noch freie Zimmer. Wir hatten also Glück im Unglück und bekamen Schlüssel und Fernbedienungen für den Raum 106 in die Hand gedrückt. In der 1. Etage befand sich ein niedliches kleines Doppelzimmer mit Bad, ordentlicher Dusche und sogar einem Fernseher, der sich uns in der folgenden Zeit als sehr nützlich herausstellte.
Wir machten uns breit und suchten dann in der Stadt nach einer Möglichkeit einzukaufen. Auf einem kleinen Marktplatz gab es ein viel zu großes Einkaufszentrum, wir gingen zu Billa und kauften uns ein großes Abendbrot mit Tomaten, Brot und Belag, Bier, ein paar Weintrauben und vielem mehr. Außerdem dachten wir vorausschauend und nahmen auch noch etwas als Wanderproviant für den folgenden Tag mit. Wieder in der Unterkunft schauten wir die Leichtathletik-WM auf Slowakisch und verspeisten unser Gekauftes. Da sich der Ketchup (den wir natürlich unbedingt für die Wiener brauchten) bei Wärme nicht lange hält, bauten wir einen Kühlschrank aus einem Becher und kaltem Wasser. Not macht erfinderisch oder wie heißt das Sprichwort?
Am Abend gingen wir noch eine kleine Runde durch die Stadt, betrachteten Kirche und ein zweites riesiges Einkaufszentrum (!!!), um dann geduscht in die Betten zu fallen und zu schlafen.



Das ist genau die Art Urlaub wie ich’s mag, nur eben mit dem Radl. Das Zugfahren ist in Tschechien hoffentlich zuverlässiger als in Polen.