Sagten wir was von größtem Abenteuer schon erlebt?

_MG_6134Alles begann in unserem schönen Doppelzimmer in Ilawa. Die Sonne schien, die Bahnarbeiter waren schon wieder auf ihren Baustellen, das Haus war still und wir ausgeruht. Der Wecker klingelte uns gegen viertel 8 aus den Betten, wir duschten und packten unsere Sachen zusammen. Im Lidl nebenan versorgen wir uns mit Wasser, Obst, Käse, etwas Wurst und Brötchen. Wir hatten Glück, der Supermarkt öffnete um 8 und wir konnten mit der frühmorgendlichen Masse durch die Gänge strömen. Dieser Lidl hat zur Öffnungszeit mehr Kunden, als Läden in Crimmitschau kurz vor Weihnachten. Aber das nur am Rande. Wir machten uns auf den Weg zum Bahnhof, warteten ein paar Minuten in der Wartehalle, bis unser Zug in Richtung Krakau etwas zu spät auf dem Bahnsteig eintrudelte. Im Abteil hatten sich zwei Männer bereits gemütlich eingerichtet, wir packten unser Frühstück aus und angesteckt vom Geruch unserer leckeren Wurst, begannen auch die Beiden ihre Brote auszupacken. Dreieinhalb ziemlich ereignislose Stunden später war Warschau in Sicht – die Hälfte der Fahrt also_MG_6164geschafft. Es kam, wie es kommen musste. Wir beschwerten uns über Langeweile und öde Landschaft – prompt wurde uns ca. 1 Stunde vor Krakau mal wieder bewiesen, dass Polen auch anders kann. Wir standen. Standen 5 Minuten, standen 10 Minuten. Dann: eine Durchsage (die im Übrigen in Polen NIE auf Englisch gemacht werden). Von unseren Abteilkameraden (unsere Konstellation hatte sich in Warschau geändert – nun teilten wir die Plätze mit einer Mutter mit Sohn, einem unsympathischen jungen Mann und 2 Frauen in unserem Alter) erfuhren wir, dass wir die folgende Stunde auf freier Strecke verbringen sollten. Die Hitze war fast unerträglich, 37°C im Schatten waren gemeldet. Die Sonne, die wir früh noch als angenehm empfanden, wurde mehr und mehr zum verhassten Element. Und wir standen. Nach einer Stunde und 2 Litern Wasser später klärte uns eine nette ältere Frau, die mittlerweile in unser Abteil gewechselt war – keiner weiß warum – , darüber auf, dass die Wartezeit auf „sto minuti“ (zu deutsch: 100 Minuten) verlängert werden sollte. Missmutig schauten wir aus den Fenstern. Die meisten Leute standen mittlerweile draußen vor dem Zug, alle Türen waren geöffnet und Menschen jeden Alters entleerten ihre Blasen AUF dem gegenüberliegenden Gleis. Wir hatten Glück, wir fanden ein deutsches Paar, die Frau konnte polnisch und wir erfuhren, dass nicht unser Zug das Problem war, sondern vielmehr der vor uns. Dieser hatte wohl eine Panne und für uns gab es keine Möglichkeit ihn zu umfahren. Nachdem gute 100 Minuten um waren, geschah exakt: nichts. Wir standen noch immer. Viele Reisende flohen nun schon und bestellten sich Taxen oder hielten auf der nahegelegenen Straße Autos an. Eine Großfamilie, die offenbar von Krakau aus den Flieger nehmen wollte, bekam ein Taxi vom Bahnunternehmen gestellt (in diesem Fall war die Krisenkommunikation besser ausgereift, als in Slupsk). Der Rest der Masse musste verharren, die Vorhänge an den Fenstern so gut wie möglich zuziehen oder sich ein Plätzchen im (nicht vorhandenen) Schatten suchen._MG_6162Eine gestresste Bahnmitarbeiterin drehte mit ihrem Kaffeewägelchen eine Runde und verteilte kostenlose Wasserflaschen. Das war – wie sich herausstellte – eine ausgesprochen gute Idee, wo doch kurz darauf der Krankenwagen zwei Waggons weiter hielt und eine aufgeregte Schaffnerin dem Transporter entgegenlief. Wir konnten bisher nicht herausfinden, was genau passiert war, doch aufgrund der Gegebenheiten ist anzunehmen, dass jemand dehydriert ohnmächtig geworden ist. Wir standen also. Und immer mehr Menschen verließen uns. Ganze Pilgergruppen mit Kindern machten sich auf den Weg zur nächsten großen Straße und somit zum nächsten Dorf. Zur nächsten Stadt waren es selbst mit dem Zug noch 30 Minuten. Nach knapp 3 Stunden zeichnete sich eine Veränderung ab. Die Schaffner verfielen in Eile, Pfeifen trillerten und die Massen, die bisher in der Wiese saßen, strömten zu den Türen. Der Zug fuhr wieder los. Dann die Schocknachricht: nicht direkt nach Krakau, sondern einen riesigen Umweg, sodass wir (wenn wir Glück haben) erst gegen um 10 dort ankommen. Momentan ist es um 6. Das ist der aktuelle Stand. Paul holt im „Bordbistro“ etwas zu essen, ich sitze noch immer schwitzend im Abteil und lausche hin und wieder den Deutschen, ob es Neuigkeiten gibt. Gibt es nicht. Wir fahren. Und das ist schonmal besser als stehen.

19:27 – Durchsage. Nichts verstanden.

19:35 – Wir halten. In Zawiercie. Oder so. Weit weg von Krakau.

19:39 – Die Polizei bringt Wasser in den Zug. Guter Plan, denn dem Bistro gehen die Getränke aus.

19:43 – Wir fahren weiter. 19:49 – Wir kriegen noch eine Flasche Wasser.

20:12 – Wir glauben nicht mehr daran, dass nur der Zug vor uns das Problem war. Wir tuckeln mit Durchschnittsgeschwindigkeit 30 hier entlang und alle _MG_6216anderen Züge überholen und 5 mal so schnell. Das kann nicht normal sein.

Wir sind da! Ungelogen Punkt 22 Uhr hielt der Zug in Krakow Glowny. Auch das Hostel war schnell gefunden. Zwar mussten wir noch einige Zeit warten, bis wir endlich einchecken konnten (bei einer Gruppe Nordeuropäer ging wohl bei der Buchung etwas schief), doch dann bezogen wir unsere Doppelstockbetten im 12-Mann-Zimmer. Es gab noch ein kleines Missverständnis mit 2 Mitbewohnerinnen, die wohl unsere auserwählten Betten als ihre ansahen – oder umgekehrt – doch am Ende war alles geklärt, wir haben uns in der Altstadt noch etwas kleines zu Essen und zu Trinken (HONIGBIER und eines mit Passionsfrucht) gegönnt und jetzt legen wir uns in die Bettchen. So ein Tag nichts machen, kann nämlich auch anstrengend sein.

 

Blick aus dem Fenster unseres Hostels:

IMG_20130809_003310

4 Gedanken zu „Sagten wir was von größtem Abenteuer schon erlebt?

  1. Ja – wer eine Reise macht – der kann was erzählen! Hoffentlich entschädigen Euch fortan die weiteren Reiseerlebnisse; mit der Bahn war es ja nix! Oma schlug die Hände über dem Kopf zusammen, drückt jetzt beide Daumen

  2. Polen – aber irgendwie gehts auch und keiner regt sich in den Medien drüber auf. Wir wünschen euch, daß die nächsten Zugfarten ein schönes Erlebnis werden.

  3. Auweia!! Da bin ich aber froh, dass wir uns nicht auf dem Weg nach Krakau kennengelernt haben. Der Spaßfaktor hätte sich vermutlich in Grenzen gehalten…
    Für meine Heimfahrt rechne ich schon wieder mit dem Schlimmsten!

Antworte auf den Kommentar von Robert Seifert Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert