Back to the roots

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Sie muss wohl eine Art Ordnungsfimmel haben. Anders ist es eigentlich nicht zu erklären, dass sie nicht nur gestern ihren Fensterstock fein säuberlich abwischte, ihre Badelatschen im Waschenbecken schrubbte und heute früh (nachdem sie um 6 aufgestanden ist) ihr Bett mit kaum fassbarer Akkuratesse hergerichtete und sogar ihre (rosa) Socken ganz säuberlich zusammengelegt zurückließ. Ebenso unverständlich bleibt warum sie gefühlte 20 Mal schnaufend aus dem Zimmer und zurücklief. Doch irgendwann war das dann auch überstanden und wir konnten noch kurz vor uns hin dösen, bis wir um 9 aufstanden und uns in rekordverdächtigen 20 Minuten abreisefertig machten.

Wir wechselten Geld, kauften in einem Supermarkt Wasser und Frühstück (Heidelbeeren, Brötchen und Schmelzkäse) und gingen zum Bahnhof. Wissend, dass die Schalter voll sein würden, hatten wir die notwendige (und wieder kostenfreie) Reservierung schon am Vortag erledigt und konnten jetzt entspannt die Anzeigetafel beobachten. Im Prinzip fuhren alle Züge auf GleisPlattform* 2 und kamen zwar pünktlich an, fuhren aber 5 Minuten zu spät ab. Als unsere Abfahrt näher rückte gingen wir also auf genannte Plattform, nur um kurz darauf (mehr der Masse als der Ansage folgend) auf Plattform 3 zu wechseln. Spontane Gleisänderung – warum auch nicht.  Der Zug kam pünktlich** und fuhr (Überraschung!) mit fünf Minuten Verspätung wieder ab. In unserem Abteil saß schon eine Familie, die aber wenig begeistert schien über unsere Anwesenheit, uns aber ertragen musste. Wir gaben uns Mühe liebe Abteilgenossen zu sein, lächelten und waren leise.

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Interessant auch: fast die komplette Bahntrasse ab Danzig ist nagelneu bzw. wird gebaut. Überall sahen wir Gleisarbeiter und Baumaschinen – möglicherweise eine Spätfolge der EM, die -soweit ich das einschätzen kann- zumindest in den und um die Gastgeberstädte, die Infrastruktur und das Stadtbild massiv aufgewertet hat.

In Malbork hatten wir 5 Minuten Zeit zum Umsteigen und kamen etwa 7 Minuten zu spät an – nach unserer Erfahrung von Szczecin eigentlich kein gutes Zeichen, doch an einem sich weit Abseits befindenden Gleis stand ein etwas abgewrackter, rot-schwarzer Regionalzug mit Fahrziel „Ilawa Glowna“. Mit einem kleinen Sprint über die Baustelle (auch dieser Bahnhof befindet sich im Umbau) konnten wir ihn und 2 Stunden später auch unser Tagesziel, die Kleinstadt Ilawa, ehemals „Deutsch Eylau“ – die Heimat meines Opas, erreichen.

Vom etwas außerhalb liegenden Hauptbahnhof liefen wir Richtung Zentrum und dank vorheriger Kurzrecherche (und meinem Handy) fanden wir nach etwa einer halben Stunde eine kleine Pension. Hier wohnen hauptsächlich Männer, die wahrscheinlich an der Bahntrasse arbeiten, denn auch hier wir im großen Stil gebaut. Die Rezeptionistin war sehr freundlich, sprach aber keine Sprache, die wir auch beherrschen und so mussten wir in Zeichensprache kommunizieren und uns auf unsere sehr basalen Russischkenntnisse stützen – trotzdem funktionierte es ganz wunderbar und wir konnten bald ein – für unsere Verhältnisse – nobles Doppelzimmer beziehen (mit eigenem Bad***). _MG_6071

Frisch geduscht verließen wir bald darauf die Pension. Direkt nebenan befindet sich ein Lidl, in dem wir uns etwas Wegzehrung (Wasser, Kekse, Pflaumen) besorgten. Gut verpflegt steuerten wir das Zentrum – sprich: den See – an. Dabei fielen uns sofort die recht neuen Fußwege auf, die fast alle eine Fahrradspur haben – und zwar eine für jede Richtung. Das treibt zuweilen etwas skurrile Blüten: Es gibt sogar Zebrastreifen über die Radwege –  man hat den Eindruck das zuständige Straßenbauamt legt großen Wert auf eine geordnete Verkehrsführung.

Am „Kleinen See“ (ein durch eine Brücke vom Rest des Sees abgetrennter Ableger im Herzen der Stadt) fanden wir (neben dem obligatorischen zweispurigen Radweg) ein nettes kleines Restaurant, wo wir Piroggen aßen und ich ein lokales und sehr gutes Bier**** trank. Gestärkt liefen wir (im Uhrzeigersinn) um den See bis zur Brücke und gingen dann in ein kleines Strandbad. Es war kostenlos, gut besucht, hatte einen Sandstrand und eine Art Brücke lief um den Badebereich herum. Einziges Manko: Die Sichtweite im Wasser lag bei etwa 20cm. Für eine kurze Erfrischung aber war es perfekt. Unseren eigentlichen Plan ein Boot auszuleihen, mussten wir leider begraben – der Bootsverleih schloß gerade, als wir ihn erreichten. _MG_6117

Im Anschluss besahen wir noch Kirche und Rathaus, bevor sich unser Rundgang dem Ende näherte. Die Kirche ist ein beeindruckendes Backsteingebäude und sticht aus dem Stadtbild heraus. Von ihr aus liefen wir die Hauptstraße bis zum See hinab und gönnten uns noch einen Besuch in einer Bar am See, wo Lisa einen Mojito trank und ich mir ein Bier, sowie einen Bananen-Pfirsisch-Pfannkuchen mit grüner Orangensoße gönnte. Während wir entspannt am See saßen, kamen plötzlich zwei Frauen aus dem Haus. Da sie beide „Tupperware“-Tragetaschen hatten, spaßte ich: „Guck mal: ’ne Tupperparty!“ – Es sollte sich schnell herausstellen, dass ich recht hatte. Immer mehr Frauen, mit immer größeren Tragetaschen verließen das Haus. Einige kauften derartig viel, dass wir uns ernsthaft fragten, ob sie morgen noch einen zusätzlichen Schrank kaufen müssen, oder einfach eine komplett leere Küche haben. Wahnsinn.
Einigermaßen erschöpft und fasziniert schlenderten wir zurück in unsere Edelbleibe und buchten ein Hostel im Zentrum Krakaus. Wir sind gespannt!

Noch eine Bemerkung zum Wetter: Es ist sehr warm, war heute jedoch streckenweise bewölkt – für morgen sind in Krakau 37°C angesagt. Das kann ja was werden…

*wichtiger Unterschied
**Achtung Gaby: Er kam von Stettin, fuhr über Slupsk und war pünktlich in Danzig – die Strecke ist also wieder in Ordnung
*** ich gebe zu der Duschvorhang ist in jeder denkbaren Richtung zu kurz, aber im Prinzip ist es toll
****Es ist schwer zu beschreiben. Man trinkt und hat das Gefühl: „Jetzt kommt die bittere Hopfennote“ – und dann kommt sie aber nicht, sondern der Geschmack „hört einfach auf“

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3 Gedanken zu „Back to the roots

  1. Hab‘ Eure Info mit großer Erleichterung gelesen, vielen Dank! Jetzt bin ich ganz zuversichtlich, dass mir eine unfreiwillige Übernachtung in Stettin erspart bleibt. Die 4 Stunden haben mir eigentlich gereicht.
    Euch weiterhin eine schöne, erlebnisreiche Reise!!

  2. Euer Eylau-stopp; „aller Ehren Wert!“ Baulich viel verändert, aber die Schilderung rückt manches zurecht. Vom Strandbad aus gesehen,wäre(Euer Bild)links unsere Insel, rechts das Sägewerk gewesen. Wir sind immer dicht auf Eurer Spur!

  3. Man könnte meinen mit euch auf der Reise zu sein – dank eurer ausführlichen und interessanten Beschreibungen. Weiterhin viel Spaß und für Kakau ein saugfähiges Schweißtuch, oder zwei. Wie es scheint ist die Hitze jetzt bei uns durch und holt euch ein.

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