Das größte Abenteuer ist schon überstanden

_MG_5851

Gestern habe ich noch noch beklagt es sei nichts passiert aber meine prophetische Ader kündigte schon an, dass das sicher nicht so bleibt. Wie recht ich damit doch hatte.

Sagen wir es kurz und knapp: Vier Stunden Stettin, zwei Stunden Slupsk, Damnica(!), drei neue Freunde, eineinhalb Busse und ein Pirat.

Wenn man einen solchen Tag erlebt hat, steht man vor der Herausforderung das Abenteuer vollständig und wahrheitsgetreu wiederzugeben, dabei aber die Spannung und Atmosphäre erhalten zu wollen. Das ist nicht einfach und so richtig erfassen kann man diesen ganzen Wahnsinn wahrscheinlich nur, wenn man selbst dabei war.
Nun aber genug der Vorrede: Begeben wir uns geistig nach Berlin – Bahnhof Gesundbrunnen. Etwa 8 Uhr besteigen wir einen Regionalexpress nach Szczecin (oder Stettin, für alle die nicht an dem „Szcz“ scheitern möchten) – 9:48 soll dieser dort ankommen und um 10 fährt der Anschlusszug nach Danzig weiter. Idiotensicheres Ding.
In Gesundbrunnen fuhren wir zwar 4 Minuten zu spät ab, aber schon in Eberswalde hatten wir die wieder aufgeholt und waren perfekt im Plan. Leider traf das auf unseren Gegenzug aus Stettin nicht zu und zusammen mit der Eingleisigkeit der Strecke jenseits von Angermünde ergab sich so eine nicht unerhebliche Wartezeit auf freier Strecke und eine Verspätung von etwa 20 Minuten. Diese wiederum fraß unsere Umsteigezeit auf und der Zug nach Danzig hätte etwa 5 Minuten auf uns warten müssen.
Richtig: Der Konjunktiv deutet es an, er HÄTTE warten müssen. Hat er aber nicht. Als wir in Szczecin einrollten, kam er uns entgegen. Auf den Ärger folgte die Verzweiflung: die Alternativen waren eine sehr gewagte Kombination aus Regionalzügen (geplante Ankunft in Danzig 19:15) und dem nächsten Direktzug, der 14 Uhr, beeindruckende 4 Stunden später, abfahren sollte.

_MG_5807
Die Regionalzugidee schlossen wir schnell aus: absurde Fahrtdauer, knappes Umsteigen, den ganzen Tag im Zug hocken – nein! Dann doch besser 4 Stunden Sightseeing in Stettin. Bevor wir uns jedoch Gemeinsam mit Tilo, einem netten Maschinenbaustudenten, den wir beim Aussteigen kennenlernten, auf den Weg in die Stadt machen konnten, mussten wir noch einen Platz im Zug reservieren. Die nette Dame im Reisezentrum sprach zwar kein englisch, schien uns aber gut zu verstehen, denn wir erhielten von ihr die Sitzplatzreservierung*, die wir brauchten.

Anschließend konnten wir das vorletzte freie Schließfach ergattern, in das sowohl unsere Rucksäcke, als auch Tilos Gepäck hineinpassten. Tilo war so freundlich uns die Schließfachgebühr vorzustrecken, bis wir eine Wechselstube mit akzeptablen Kurs finden.
Also endlich auf in die Stadt: Das Glück war auf unserer Seite, denn es fand zur Zeit eine Segelregatta statt und der Hafen war voller beeindruckender Segelschiffe. Wir überquerten eine Pontonbrücke (proudly sponsored by Polnische Armee) und schlenderten über das Volksfest auf dem Hafengelände. Neben den zahlreichen Fahrgeschäften (Autoscooter, Achterbahn, Kettenkarussell, ..) und Imbissbuden, gab es hier vor allem große Segelschiffe aus aller Welt zu bestaunen.

Nach einer ausführlichen Runde über das Gelände liefen wir auf der Suche nach einer Wechselstube (polnisches Signalwort „Kantor“) im Stadtzentrum in eine große Shoppingmall. Wir tauschten zu einem recht guten Kurs, beglichen unsere Schulden bei Tilo und gingen eine Kleinigkeit essen. Döner für Tilo, Fish&Chips für Lisa und mich.

_MG_5795 Langsam aber sicher wurde es Zeit zum Bahnhof zurückzukehren. Noch einmal quer durch das (vermutete) Zentrum der Stadt – einen zentralen Platz oder eine Einkaufsstraße konnten wir nicht ausmachen – und schon waren wir wieder am Bahnhof. Am Bahnsteig trafen wir dann auf eine weitere in Stettin „gestrandete“ Frau. Sie war mit uns gemeinsam in Gesundbrunnen gestartet und war wie wir auf dem Weg nach Danzig. Wir unterhielten uns eine Weile und bestiegen dann Waggon 19, wo die Sitze 45/46 auf uns warteten. Hier wurde unsere Gruppe vorerst getrennt: Jeder saß in einem anderen Abteil. Nach wenigen Minuten gesellte sich Tilo zu uns, denn bei uns waren noch einige Plätze frei. Je weiter wir fuhren, desto voller wurde der Zug und schon recht bald, musste er wieder auf seinen reservierten Platz im Nebenabteil ausweichen.
Der Zug schlich über das Land und es passierte zunächst nichts besonderes. In unserem Abteil herrschte gute Stimmung, da die meisten Witze aber auf polnisch vorgetragen wurden, konnten wir nicht im Inhalt teilhaben. Plötzlich ging die Abteiltür auf und ein bärtiger, etwas rundlicher Mann mit rotem Kopftuch und antikem Revolver stand im Abteil: ein Pirat. Er unterhielt sich mit den übrigen Passagieren, fragte nach Namen und machte Witze. Dann schüttelte er jedem die Hand und verteilte Stempel auf unseren Armen. Hinausgehend lieh er sich die Bierdose des Mannes mir gegenüber und leere sie. Und weg war er wieder. Kurze Stille, dann Gelächter. Der Inhalt blieb für uns unklar, die Stimmung war top. Bis Slupsk.

_MG_5834
Dort kam der Zug pünktlich an, hielt und blieb stehen. Es dauerte eine Weile bis wir Worte wie „Autobus“ aufschnappten. Ein Pole übersetzte freundlicherweise für uns: Der Zug endet hier, wir müssen jetzt in Busse umsteigen, dann geht es weiter. Wohin? Tja. Das weiß nicht einmal der Schaffner.
Sachen packen, aussteigen, vor den Bahnhof. Wir trafen Tilo und die nette Berlinerin wieder. Diese hatten bereits Bekanntschaft mit einem weiteren Deutschen geschlossen, der dankbarerweise polnisch spricht. Aus dem „kurzen Warten auf den Bus“ wurden 2 Stunden: Die Klofrau machte das Geschäft ihres Lebens (und schloss erst Feind- anschließend aber wieder Freundschaft mit unserer Berliner Bekannten), wir aßen belegte Brötchen, in der Bahnhofshalle kochten die Emotionen hoch und wir standen und standen. Der Pirat entpuppte sich als Animateur und versuchte die teilweise sehr gereizte Stimmung aufzuheitern, er blies in seine Trillerpfeife, hielt seinen Spielzeugrevolver in vorfahrende Autos und rief immer wieder Dinge, die wir nicht verstanden. Die lange Wartezeit führte zur Bildung von sehr aufgebrachten Protestgruppen, die versuchten privat einen Bus zu mieten um der Misere zu entkommen.
Besonders hervorheben sollte man jetzt die ausgezeichnete Kommunikationspolitik der PKP**. Im Zug klang es stark nach „draußen stehen Busse“ oder zumindest „gleich sind sie da“. Als wir vor den Bahnhof standen wurde aus „gleich“ „in einer Stunde“ und nach über einer Stunde „in 40 Minuten“. Am Ende gab es noch ein „in 10 Minuten“ oben drauf, aber dann kamen tatsächlich 2 Busse.***

_MG_5839
Im Eiltempo erreichten wir den zweiten und konnten alle fünf einen Sitzplatz ergattern. Vielen anderen war das nicht vergönnt: Für diese Armen wurde es ein Stehfahrt. Unsere Gruppe war trotz dieser Widrigkeiten bestens gestimmt: Wir unterhielten uns gut und nahmen diesen irren Trip mit Humor. Im Bus folgten 2 humoristische Highlight, wie sie uns wohl keiner glauben wird. Nummer Eins: Der Bus war voll bis auf den letzten Stehplatz – eine halbe Zugladung Menschen plus Gepäck, da versuchte man ernsthaft noch Platz zu schaffen für das Snack- und Kaffeewägelchen. Es gelang zwar nicht, sorgte aber für einige Lacher.
Nummer Zwei war dann wirklich unfassbar. Der erste Bus, der kurz vor uns startete, stand mit Warnblinkanlage in der ersten Kurve – Er hatte eine Panne und hatte es keine 500m weit geschafft.****
Unser Bus brachte uns schließlich nach Damnica – einem winzigen Örtchen, irgendwo bei Slupsk. Beim Öffnen der Bustüren gab es einen kurzen Schreckmoment: Eine junge Frau wurde von der nach inne öffnenden Tür eingeklemmt und es dauerte einige quälende Sekunden, bis sie endlich befreit werden konnte.
Unser neuer Zug stand zwar bereit und wurde von den meisten Passagiere sofort bestiegen, da aber der zweite Bus noch fehlte, konnte er nicht abfahren. Unser Gruppendolmetscher sprach kurz mit dem Schaffner, der mindestens genauso ratlos war wie wir. Wir konnten nur noch Lachen – bei all dem Chaos und Katastrophen, dieses Abenteuer war ein Riesenspaß. So blieben wir auf dem Bahnsteig stehen, fotografierten uns vor dem Bahnhofsschild (weshalb der erste Selbstauslöser des Urlaubs fünf statt zwei Leute zeigt) und warteten darauf dass unser Bus die restlichen Reisenden aufsammelte.
Als der Bus endlich kam, suchten wir uns schnell ein leeres Abteil und machen es uns bequem. Etwa 10 Minuten später setzte sich der Zug in Bewegung und fuhr circa eine Zuglänge weit, um dann auf einen entgegenkommenden Zug zu warten. Irgendwie ging es dann doch voran und wir näherten uns gut gelaunt Danzig. Tilo informierte seine Freundin, dass er vielleicht doch vor 11 Uhr in Danzig ankommt, unsere Berliner Freundin hatte ihr Hotel bereits benachrichtigt und auch ich hatte im Hostel schon zwei Mal unsere Ankunftszeit nach hinten verschoben. Nur unser dolmetschender Mitreisender hing noch etwas in der Luft: Alle für ihn möglichen Züge zur Weiterreise waren schon weg oder unerreichbar, der Handyakku leer und keine Steckdose weit und breit. Ich bot ihm an mein Handy zu nutzen und nachdem wir dann die SIM-Karte gewechselt hatten, konnte er seinen Cousin nach Danzig zur Abholung bestellen.
Während wir also nett plaudernd und bester Laune im Abteil saßen, rollte der Zug Danzig entgegen. Zwei Stationen vor uns stieg Tilo aus, wir verabschiedeten uns und wir lernten am Fenster noch kurz seine Freundin kennen. Im Danziger Hauptbahnhof schließlich endete mit knapp 8 Stunden Verspätung die wilde Fahrt – wir bedankten uns für die prima Reisebegleitung und das Abenteuer, und machten uns auf den Weg zu unserer Unterkunft. Und die Ehre diese Edelherberge zu beschreiben überlasse ich Lisa. Nur soviel: Wir haben Bett und konnten schlafen.

_MG_5845

*mit einem Preis von 0 (in Worten: Null) Zloty die günstigste Reservierung aller Zeiten
**so heißt die polnische Bahngesellschaft
***erwähnenswert auch: Wohin der Bus fährt, konnte niemand mit Bestimmtheit sagen: nach Lebork, dem nächsten größeren Bahnhof oder direkt nach Danzig? Vielleicht folgt er auch der kompletten Bahnstrecke? Die Angaben schwankten und auch im Bus wusste noch niemand so richtig wohin es jetzt geht. Gerüchte sagten: „Wir fahren nur 20 Minuten und bekommen dann wieder einen Zug.“
****auch unser Bus fuhr am Leistungslimit, die Geräusche beim Bergauffahren waren beängstigend.

4 Gedanken zu „Das größte Abenteuer ist schon überstanden“

  1. Hallo Ihr Zwei,
    ich bin Euch so dankbar, dass Ihr die Ereigniss des gestrigen Tages so prima zusammengefasst habt, jetzt brauche ich keine Angst mehr zu haben, dass ich beim Erzählen etwas vergesse. Habe übrigens gelesen, dass sich der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ auf der Höhe von Slupsk ereignet hat…
    Ich bin total erledigt vom Rumlaufen in dieser Hitze, aber es gibt ja so viel in Danzig zu sehen, dass ich mich freue, noch ein paar Tage hier verbringen zu können. Wenn da bloß nicht der Gedanke an die Rückreise wäre: Tilos Bemerkung über den letzten Zug ab Stettin beschäftigt mich irgendwie :)
    Ich bin sehr gespannt, was Ihr noch erlebt, und freue mich auf Eure Berichte. Das ein oder andere erinnert mich an eigene Erlebnisse (ich sage nur Rom und Portemonnaie). Ganz viel Spaß und liebe Grüße von Eurer Freundin aus Berlin!

    1. Danke für den Kommentar! Wir schwitzen heute auch ganz schön – aber Danzig ist wirklich eine tolle Stadt. Wir wünschen dir noch viel Spaß hier und eine gute Heimfahrt. Mach dir keine Sorgen wegen der Heimfahrt – bis Samstag ist wieder alles in bester Ordnung in Slupsk :)

    2. Haha, dem Dank schließe ich mich mal an. Danke für den Link, Gabysche, da weiß ich schonmal Bescheid, was Du einer lässigen Berlinwoche vorziehst :-)
      Und wenn die Ereignisse erst mal gut abgehangen sind, hör ich sie mir sehr gerne nochmal an.
      Ich hab mir jetzt grad nochmal meine Polentrips vorm inneren Auge Revue passieren lassen, und die An- und Abreisen waren durchweg auch chaotisch oder zumindest bizarr (Remember die Hoppelfahrt im Bus nach Breslau?). Wenn man erst mal angekommen ist, ist es schön, aber *bis*, au weia…
      Viel Spaß noch u bis nä Wo – hoffentlich… ;-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert