Abendliche Sushikalypse

Unsere Unterkunft ist ein kleines Apartment in Tabata, einem Bezirk im Norden Tokyos. Sie besteht im wesentlichen aus zwei Zimmern und ist dem eingeschränkten Raumangebot angepasst: Schiebetüren, Schränke in die Wand integriert, winziges Toilettenräumchen, eine(!) Kochplatte, clevere Regale, … – es wird kein Platz verschenkt. Ähnlich ist auch der restliche Bezirk aufgebaut: Enge Straßen, schmale Hauseingänge, Parkplätze in die das Auto gerade so noch drauf passt.

Man kann sicher vieles über die Gegend sagen, aber touristisch ist sie nicht unbedingt. Die kleinen Läden und Restaurants werden fast ausschließlich von Tokyotern besucht und sind Gäste aus „dem Westen“ nicht unbedingt gewöhnt. Noch dazu solche wie uns, die nur mit den Vokabeln für „Guten Tag“ und „Danke“ ausgestattet völlig planlos durch die Gegend streifen* um dann in irgendein Lokal einzukehren. Ein interessantes Erlebnis. Für beide Seiten.

Tief durchatmen, Schiebetür auf, eintreten, „Konitchiwa“ sagen, leicht verneigen, Schiebetür zu. Das Lokal ist sehr schmal, nicht mehr als vier Meter breit und wird der Länge nach von einem hellen Holztresen getrennt. Auf unserer Seite stehen kleine Barhocker in einer Reihe, auf der anderen Seite der Sushimeister, ein älterer Herr in weißem Anzug. Am Ende des Tresens steht seine Frau, die uns einen Platz zuweist. Unnötigerweise, muss man sagen, denn außer uns ist niemand da.

Eine Speisekarte gibt es nicht, sondern eine Reihe Holzschildchen an der Wand. Ich kenne das bereits aus Samurai Gourmet** und hatte diese Praxis schon dort als potentielles Problem identifiziert: Denn wer kein Japanisch kann, kann auch diese Schildchen nicht lesen. Während seine Frau, sich verbeugend um uns herumbewegt, jedem ein Glas Wasser und ein feuchtes Tuch bringt, versucht der Meister Klarheit zu schaffen. Auf Japanisch. Das Einzige was wir lernen: Die beiden Schilder ganz rechts außen zeigen die beiden Sets, also „Standardmenüs“ an. Was diese beinhalten und wie viel sie kosten jedoch bleibt uns ein Rätsel.

Diverse Okays unsererseits später gibt er ein Handzeichen, dem wir entnehmen: „Ich mache beide Sets, der eine bekommt Dieses, der andere Das und ihr könnt schauen was Euch am besten gefällt.“ Diese Deutung ist natürlich totaler Humbug, denn wir werden beide dasselbe bekommen. Set 1, wie ich vermute. Aber dazu später. Zunächst gelingt uns eine Kommunikation auf Anhieb: Die quasi-englische Frage der Frau („Drüings“) kann ich zur großen Freude und Erleichterung aller Beteiligten sofort beantworten: „Bīru“. 

Das Bier (eine 0,5er Flasche der Marke Kirin und zwei kleine Gläser) kommt dann auch sofort und während ich noch einschenke, legt uns der Meister jedem ein großes, grünes (Bananen-[?])Blatt auf den Tresen und packt darauf etwas eingelegten Ingwer. Wir bekommen zusätzlich je ein Schälchen für die Sojasauce und haben dann die Ehre die Arbeit des Meisters aus nächster Nähe zu bewundern. Er formt den Reis, schneidet den Fisch, drückt beides zusammen, et voilà: Das erste Nigiri mit Lachs ist fertig. Unter den wachsamen Augen des Meisters teilen wir unsere Stäbchen, bedanken uns mit einer kleinen Verbeugung und schnappen uns das erste Stück. 

Mhhh… lecker! Wir nicken anerkennend, stimmen auf Nachfrage der Verwendung von Wasabi zu und schwupps sind die nächsten Lachs-Nigiris fertig. Auf den Lachs folgt eines mit Garnele (nur echt mit Schwanz!), ein festes weißes (im Nachhinein und nach etwas Bildrecherche würde ich sagen: Tintenfisch), eines mit einem undefinierbaren rötlichen Belag (Lisa spricht liebevoll von „Innereien“) und eines mit Ei (der Kenner nennt es Tamago – zumindest laut Google). Den krönenden Abschluss bilden sechs köstliche Maki und das große Finale: Gunkan Sushi mit großem, orange-roten Kaviar (oder so).

Unterbrochen wird unser festliches Mahl nur gelegentlich von Erklärungen und Kommentaren des Meisters, die wir zwar nicht verstehen, aber stets lächelnd und nickend beantworten sowie zwei Besuchen seiner Frau: Sie bringt jedem eine Miso-Suppe (kein Löffel, schlürfen!) und einen grünen Tee (mit Matcha?). Beim Bezahlen erleben wir noch einmal schönste Sprachverwirrungen, schaffen es aber nach einigen Verneigungen und „Arigatos“ gut gesättigt aus dem Laden. Alles in allem: Gar nicht übel, für zwei Pfeifen wie uns, oder?

* Möglicherweise ist dieser Satz eine Hommage an die von mir sehr geschätzte Serie „Samurai Gourmet“
** Hatte ich bereits erwähnt, wie großartig diese Serie*** ist?
*** Hier ein Trailer (japanisch, ohne Untertitel – konnte nichts besseres Finden. In voller Schönheit gibt es die Serie auf Netflix.


Eine detaillierte Zusammenfassung des Tages hat Lisa wie üblich in ihrem Notizbuch angefertigt:

Weitere Eindrücke des Tages:

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.