Upgrade in Gdansk

_MG_5982Nach unserem Abenteuer-Trip am gestrigen Tag war die Nacht nicht weniger aufregend – zumindest ich habe mich aufgeregt.

_MG_5975Als wir in der Nacht um 23 Uhr im Hostel ankamen, wurden wir zunächst ganz gekonnt ignoriert. An der „Rezeption“, die mehr einer Komode als einem Schreibtisch glich, stand eine gestresst wirkende junge Frau, die schnell und unverständlich auf jemanden am anderen Ende des Telefons einredete. Ein weiterer Mann schwirrte in dem Vorzimmer herum, man konnte nicht genau feststellen, ob er Gast war oder ein Mitarbeiter. Auf einem Sofa saß eine auffällig grauhaarige ältere Frau, die uns die ganze Zeit beobachtete, uns dann auf polnisch ansprach und auf die telefonierende Frau zeigte. Wir warteten also bis das Gespräch beendet wurde und stellten uns dann als diejenigen vor, die schon 2 Mal angerufen haben. In schlechtem Englisch bat sie uns, unsere Namen in ein Buch zu schreiben und zu zahlen. Mit einem kurzen Wink wurde uns dann die Richtung der Duschen und Toiletten gezeigt und sie zeigte uns, welche Betten in dem Sechzehn-Mann-Zimmer noch frei sind. „Thank you“ und schon war sie wieder zum Telefon verschwunden. Das Zimmer war wohl eher eine Rümpelkammer und anstatt 16 Betten standen mindestens 18 Betten (darunter 2 Klappbetten und 2,5 Sofas, die wohl auch als Schlafmöglichkeit vermietet werden) darin.

Wir machten uns nicht viel daraus, übergingen den Geruch nach abgestandener Luft und den halbnackten Mann mit Macbook und machten uns bettfertig. Müde und kaputt schliefen wir ein. Etwa um halb 2 kam dann der Besitzer des Bettes in der unteren Hälfte meines Doppelstockbettes. Und dann war es vorbei mit der Nachtruhe. Im wahrsten Sinne des Wortes befriedigt schlief der gute Mann ein, entleerte seinen Darm regelmäßig von Luft und schnarchte, dass die Wände wackelten (ich hatte leider nichts zum Werfen griffbereit und wackelte daher am Bett, um ihn immer wieder aufzuwecken). Vom Ekel hochgetrieben, spazierte ich in der Nacht um 2 im Schlafanzug durchs Hostel und schnappte frische Luft. Im Zimmer zurück versuchte ich Schlaf zu finden – dies gelang mir allerdings erst ein paar quälende Stunden später.

_MG_5937Als wir früh aufwachten, war der Mann verschwunden – zu seinem Glück, sonst hätte er sich was anhören können. Wir duschten, packten unsere Sachen für den Tag zusammen und gingen zur „Rezeption“, um nachzufragen, ob es möglich wäre, eine weitere Nacht im Hostel zu verbringen. Das Sechzehn-Mann-Zimmer war allerdings für die folgende Nacht ausgebucht und so schrieben wir uns für ein Neun-Mann-Zimmer ein – und zogen einen Stock nach oben (hier gilt wohl das Motto: Je weiter oben, desto höher die Qualität. Die Betten waren leider noch nicht bezugsfertig, sodass wir unsere Rucksäcke einschließen ließen und uns auf in die Stadt machten. Danzig ist wunderschön und wir hatten wieder das Glück, dass gerade ein riesiger Jahrmarkt stattfand. Menschen aller Nationen drängten sich um die verschiedensten Stände, aßen Eis und polnische Spezialitäten. Da wir weder Abendbrot noch Frühstück hatten, suchten wir uns erstmal ein nettes Lokal und nahmen etwas zu uns. Neben Bier und Mango-Eistee gab es polnische Spinat-Ravioli mit Zucchini, Kresse und literweise Soße. Gestärkt ging es dann weiter auf unserer Tour durch die Altstadt. Häuserreihen dekorierten die Straßen, kleine Schiffe fuhren im Hafenbecken. Es war einfach perfekt. Über den Dächern ragte die Spitze der Marienkirche hervor und wir schlugen diese Richtung ein. DieKirche war riesig, wahnsinnig hohe Decken begrenzten die weißen Wände – so eine helle Kirche haben wir noch nie gesehen. Dazu noch alles prunkvoll geschmückt, viele Gold- und Brauntöne dekorierten den Raum.

IMG_5915

Wir entdeckten den Aufstieg zum Turm – die 5 Zloty (umgerechnet ca. 1,25 Euro) hatten wir dann doch noch übrig. Während des Aufstiegs fragten wir uns kurz, warum wir uns so etwas bei der Hitze antun – 400 Stufen schlängelten sich nach oben, doch was wir dann sahen, entschädigte alle vorherigen Strapazen. Erst ein unüberschaubares Dachgeschoss, man konnte die kleinen Kuppeln in der Kirche nun von oben sehen, die riesigen Glocken und zuguterletzt einen einzigartigen Ausblick über Gdansk. Bis zum Meer konnte man schauen, die bunten Häuser wirkten so klein und die Sonne strahlte vom Himmel. Wir fühlten uns richtig frei. Beflügelt  starteten wir den Abstieg, 400  Stufen im Schlängelgang wieder nach unten. Dort angekommen setzen wir unser Sightseeing fort, ich kaufte mir noch eine luftige Hose auf dem Markt und anschließend ließen wir das Hilton links liegen und begaben uns wieder ins Hostel. Dort konnten wir nun unser neues Zimmer beziehen und siehe da – keine Rümpelkammer, keine halbnackten oder pupsenden Männer, sondern ausschließlich Frauen (zu Pauls Freude auch die grauhaarige Unsympathische vom Anfang), die hoffentlich allesamt nicht schnarchen werden.

_MG_5978 _MG_5988 _MG_5993

PS (Anmerkung vom späteren Abend): Am Abend saßen wir noch ein Weilchen in einem Fischrestaurant, gemeinsam mit Olga und ihren Freundinnen, die ständig unsere Füße betrachteten. Wir wissen bisher nicht warum. Anschließend flanierten wir am Wasser entlang und als wir wieder im Zimmer waren, war zu Pauls großer Freude die unsympathische Alte schon halbnackt im Bett. Normalität kehrt hier wohl nie ein…

PS an Erik: Der B-Faktor ist hier ähnlich wie in Breslau schwer bezifferbar. Im positiven Sinne natürlich.

6 Gedanken zu „Upgrade in Gdansk

  1. Möge die kommende Nacht eine erholsame für euch werden! -Auch bei uns passiert hin und wieder mal was :Wir hoffen,es schockt euch nicht zu sehr,daß u.a. euer schöner Strandkorb mehrere tennisballgroße Einschläge hat!Hier gab es ein heftiges Unwetter mit Hagelschäden am Dach ,Auto…Uns allen geht es aber gut.

    1. Wir haben schon von Unwettern gehört, aber dass es so schlimm wird, hatten wir nicht gedacht. Wenn es euch gut geht, ist ja alles i.O. – beste Grüße aus Danzig!

  2. Ich bin’s noch mal: Denkt nicht, dass ich besser schlafe, weil ich etwas hochpreisiger untergekommen bin. Zwar habe ich weder unanständige Männer noch halbnackte Frauen in meinem Zimmer (es würde aus Platzmangel auch niemand Zweites hier rein passen). Dafür verbringt – fast – die ganze Jugend der Welt die Nacht auf der Straße vor meinem Fenster, quält Gitarren, grölt und trinkt ordentlich dazu, und hin und wieder geht eine Flasche dabei zu Bruch. Macht nix, für Nachschub ist gesorgt – der Inhaber des Spätkaufs gegenüber trägt ein Dauergrinsen im Gesicht. Ich habe die Wahl, ob ich wegen des Lärms nicht schlafen kann oder bei geschlossenem Fenster wegen der Backofentemperatur im Zimmer. Aber ich will nicht klagen: Schlaf ist ja völlig überbewertet, vor allem im Urlaub

    1. Du hast es gut! Lernst die internationale Jugend von ihrer besten Seite kennen! Wir haben übrigens noch eine gute Nachricht bezüglich deiner Heimreise. Wir haben heute einen Zug genommen, der aus Stettin kam – und er war pünktlich ;)

  3. Wir sind wieder dabei; bei Euch geht es ja zuweilen turbulent zu. Aller Anfang ist nun mal gewöhnungsbedürftig – die tollen Tage kommen bestimmt.Danzig ist schon eine Reise wert.

  4. Warte mit Spannung auf eure Berichte.Toll geschrieben.Lisa, der nächste befriedigte Schnarchgeselle kriegt paar auf die Rübe

Antworte auf den Kommentar von Erziehungsberechtigte Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert