Subotica überrascht uns

_MG_7300Erik warf den Böller in den Container – ein erboster Anwohner rannte uns schreiend hinterher und ließ sich auch von Herrn Borowski nicht beruhigen. Wir suchten Schutz hinter einem Geländer, denn der Mann drohte uns zu überfahren. Lisa wurde immer ängstlicher: „Paul. Paul! PAUL! PAAULL!!“ – Dann wachte ich auf. Im Nachtzug hatte ich geschlafen wie ein Stein und nachdem der Schaffner es nicht geschafft hatte mich zu wecken, war Lisa an der Reihe: „Noch 20 Minuten bis Belgrad“ sagte sie zu mir. Noch halb im Schlaf nickte ich das ab und richtete mich in meinem Bettchen auf.

So ein Nachtzug ist schon etwas tolles. Und nochmal besser ist es, wenn man in einem solchen die Zeitzone wechselt und dadurch eine Stunde Schlaf geschenkt bekommt. Die ungarische Familie aus unserem Abteil packte hastig zusammen, verabschiedete sich und eilte zur Tür, um den Anschlusszug zu erreichen. Im jetzt leeren Abteil packten wir zusammen und warteten die Einfahrt in den Bahnhof ab, wo unser Anschlusszug schon bereit stand.
Wir stiegen direkt um suchten uns ein leeres Abteil und gingen ersteinmal Zähne putzen. Kurz vor der Abfahrt gesellten sich noch 2 Serben zu uns und es ging los. Wir lasen unsere Bücher, ich schrieb einen Beitrag für die Gefahrenstelle und die Klimaanlage machte leiernde Geräusche, als hätte man auf Dynamobetrieb umgeschaltet. Irgendwo in der Nähe von Novi Sad stieg ein junger, kräftigerer Mann zu, der nicht nur unangenehm roch, sondern auch noch in einer wahnsinnigen Lautstärke sprach*. Das Telefonat, dass er kurz vor seinem Ausstieg führt, hat man sicher im Nachbarwaggon noch gehört.
Mit etwa 30 Minuten Verspätung kamen wir schließlich in Subotica an.
_MG_7319Mit einer mehr verwirrenden, als erhellenden Wegbeschreibung in der Hand und ohne GoogleMaps Karte (die toll funktioniert HÄTTE, wenn man nicht vergessen hätte sie offline verfügbar zu machen) standen wir vor dem Bahnhof in einem kleinen Park. Ich hatte am Tag zuvor einen Blick auf die Karte geworfen und wusste jetzt so ungefähr in welche Richtung wir gehen müssen. Zum Glück gab es in der Fußgängerzone einen Stadtplan und wir konnten und kurz orientieren. Vorbei an der „Town Hall“, zur Synagoge und dort gegenüber immer geradeaus. Ich nehme es vorweg: Über den ersten Punkt kamen wir nicht hinaus; die Synagoge fanden wir erst als wir von der Unterkunft in die Stadt liefen. Mit etwas Fragen und Schilder lesen, konnten wir endlich die Villa Stefanija finden – obwohl wir einen beachtlichen Bogen gelaufen waren.
An der Adresse aus der Buchungsbestätigung stand ein rosafarbenes Haus, ohne Schild oder Hinweis. Wir betraten den Hof und prompt kam ein etwa 30jähriger, schlacksiger Mann mit kurzem schwarzen Haar auf uns zu: „Aaaah. Hello. You are from äh… ?“ – „Germany“ – „Yes, Hostelworld? You booked on Hostelworld?“ – „Yes.“ – „Great. come on“, sagte er mit einladender Geste: „Here is your room. It actually has 3 beds, the double bed is for you, but you can also use the small one here if you like.“ Bevor wir viel erwidern konnten, zeigte er uns noch die Klimaanlage und nahm dann kurz unsere Ausweise mit um die Check-in-Dokumente auszufüllen.
Das Zimmer war groß, sauber und auch das Bad machte einen guten Eindruck. Da wir eine lange Zugfahrt hinter uns hatten (und auch so aussahen), duschten wir, bevor wir ins Zentrum gingen um etwas zu essen. Außer einem Päckchen Käsecracker hatten wir noch nichts gegessen und jetzt wollten wir uns etwas gönnen. Wir blieben in Serbien nur einen Tag, die Unterkunft gab im Internet an, man könne mit Karte bezahlen – also beschlossen wir auf Bargeld zu verzichten und suchten ein Restaurant, in dem wir mit Karte zahlen können.  Das klingt jetzt leicht, war es aber in der Realität nicht. Schließlich fanden wir etwas, setzten uns an einen Tisch, nahmen die Karte und stellten schockiert fest: Hier gibt es nichts zu essen – naja: es gibt Eisbecher.
Kurz darauf saßen wir mit Kiwibecher und Banana-Splitt in der Fußgängerzone von Subotica. Nennen wir es einfach: „Das etwas andere Mittagessen“. Wir zahlten und gingen zum Souvenirshop. Ein Präsent aus Subotica mitzubringen wäre ja nicht übel, denn T-Shirts, Tassen, Taschen, etc aus bekannten Orten hat jeder – Subotica kennt überhaupt nur eine Minderheit. Wir betraten das Geschäft im Erdgeschoss des Rathauses und bevor ich überhaupt richtig sehen konnte was es gab und wie viel es kostet, hatte Lisa schon das Gespräch mit der Verkäuferin gesucht: „Can we pay with credit card?“ – „No.“ – „Na, dann können wir auch gehen.“ Zack standen wir wieder vor der Tür. Und hier realisierte ich, dass das nicht so gut war: Theoretisch hätten wir ja schauen können, ob uns etwas gefällt und wie viel es kostet, um danach zu entscheiden, ob es sich lohnt dafür Geld abzuheben (und Abhebegebühr zu zahlen). Jetzt war die Chance vertan, denn wieder in den Laden zu gehen (in dem wir mit der Verkäuferin allein waren), hätte seltsam ausgesehen.
Etwas ziellos liefen wir wieder in Richtung Marktplatz. Vor dem McDonalds rief es plötzlich „Guten Tag!“. Ein etwa 70-jähriger Mann hatte gehört, dass wir Deutsch sprechen, stand von einem Tisch auf, fragte wie es uns geht und berichtete uns davon, dass er in der Schule Deutsch gelernt hatte. Sein Deutsch klang etwas hölzern, war aber ziemlich gut. Wir unterhielten uns kurz mit ihm und lehnten dann freundlich seine Einladung, uns an seinen Tisch zu setzen, ab. Er wünschte uns viel Spaß in Subotica und wir verabschiedeten uns.
_MG_7310Die Sonne brannte vom Himmel als wir auf unserer Sightseeingrunde an der Kathedrale ankamen. Wie auch der restliche Ort, war hier alles ganz sauber herausgeputzt. Die Grünanlagen waren in bester Ordnung, die Blumenbeete unkrautfrei, die Straßen und Fußwege glänzten, alle Sehenswürdigkeiten waren ordentlich ausgeschildert und wir wurden das Gefühl nicht los, dass Subotica eine wohlhabende Stadt ist. Meine späteren Recherchen ergaben dann, dass es sich um eine der serbischen Sonderwirtschaftszonen handelt: Sowohl Industrie, als auch Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung haben hier bedeutende Zentren und der Güterbahnhof ist – auch auf Grund seiner Nähe zu ungarischen Grenze, die auch die Außengrenze der EU darstellt – ein wichtiges Drehkreuz. Arbeitslosigkeit scheint also eher nicht zu den drängenden Problemen der Stadt zu gehören.
Wir faßten den Entschluss doch noch einmal in den Souvenirladen zu gehen und dann zu entscheiden, ob es sich lohnt Geld abzuheben. Die Verkäuferin sah uns skeptisch an, als wir wiederkamen. Wir liefen zwei Runden im Laden und stellten fest: Es gibt ein paar interessante Dinge, aber es lohnt sich nicht dafür Geld abzuheben/auszugeben. Da wir nun alles Nennenswerte gesehen hatten, beschlossen wir kurz einkaufen zu gehen und dann in die Unterkunft zurückzukehren. Dort aßen wir dann Baguette mit Leberwurst, Lisa sortierte Bilder aus und ich sah etwas fern, denn es gab tatsächlich ein paar englischsprachige Sender.
Bevor wir wieder in die Stadt aufbrachen, wollten wir noch schnell zahlen. Der junge, gut englisch sprechende Mann war nicht mehr da – dafür aber ein älterer Herr, den wir für seinen Vater hielten. Englisch konnte der nicht, dafür 3 Worte Deutsch. Er teilte uns dann mit, dass wir etwa 2800 Dinar zahlen müssen und, dass das mit der Kartenzahlung auf der Homepage in die Kategorie „Blöder Fehler“ fällt. Oder in seinen Worten: „Nein. Nicht Karte. Kleine Firma. Bankomat in Stadt – 10 Minuten“. Also doch Geld abheben. Wäre ja auch quatsch, wenn „Kartenzahlung möglich“ bedeutet: „Hier kann man mit Karte zahlen.“
In der Stadt versorgten wir uns also mit 3000 serbischen Dinar, investierten 50 davon in Popcorn und setzten uns auf eine Bank. Eine Langosbude stach uns ins Auge und Lisa ging los um etwas zu kaufen. Zu meiner Verwunderung kam sie ohne Langos zurück: Die Verkäuferin hatte sie auf serbisch zugetextet und anschließend das kleine Fensterchen des Standes schwungvoll zugeschoben – also wurde nichts aus dem Traum vom ungarischen Abendsnack.  Als Alternative machten wir nach einigem Suchen einen Bäcker aus, wo wir für 150 Dinar, ein Käsebrötchen, ein Crossaint mit Pflaumenmusfüllung und eine Blätterteigrolle mit Marmelade erstanden. Eigentlich hätte es 160 Dinar gekostet, aber die Verkäuferin schenkte uns die 10 Dinar, die wir nicht hatten und gab sich mit 150 zufrieden. Wem das jetzt bekannt vorkommt, der hat wahrscheinlich von unserer Fahrt nach Varna gelesen.
_MG_7369In der Fußgängerzone beobachteten wir das abendliche Treiben und genossen unsere Einkäufe, bevor wir, vorbei an der wunderschönen, angestrahlten Townhall und der Synagoge, durch den belebten Stadtpark zurück in zur Villa Stefanija liefen. Auf dem Weg wurden wir von einem jungen Serben nach der Uhrzeit gefragt und als wir ihm geantwortet hatten, machte er kräftig Werbung für das Festival am nächsten Tag, bei dem man sogar auf den Turm des Rathauses steigen kann. Wissend, dass wir dafür keine Zeit haben würden, dankten wir trotzdem für den Tipp. Als er ging klingelte sein Handy und uns drängte sich der Verdacht auf, dass die Frage nach der Zeit nur der Aufhänger für die Werbung für das Stadtfest war.

*für Insider: wie der Eiermann, nur jung

0 Gedanken zu „Subotica überrascht uns

    1. Was soll ich sagen: Subotica ist eine kleine, ausgesprochen gepflegte und saubere Stadt. Vielleicht nichts was man unbedingt sehen muss, aber wenn man in der Nähe ist, kann man ruhig mal vorbeischauen.
      Wieso fragst du? Warst du selbst schon dort?

  1. Also ich frage einfach mal aus Neugier, wie neutrale Touristen die Stadt sehen! Es ist doch schon ein deutlicher Unterschied zu Westeuropa zu erkennen, deshalb frage ich nach dem Eindruck ;)

    was war denn so positiv bzw negativ?

    Ja klar habe da Bekannte und ein Haus… bin fast jedes Jahr da!! Dieses Jahr war ich auch mit einem Kumpel aus Deutschland da!

    Viele Grüße

    1. Ich kann es schwer beschreiben… Was am deutlichsten auffiel war, dass es so unglaublich sauber/gepflegt war: Alle Grünanlagen top in Schuss, die Straßen und Wege sauber, … Und dann hat uns natürlich das Rathaus sehr gut gefallen: es ist ein sehr markantes Gebäude.
      In jedem Fall waren wir sehr überrascht von Subotica – wir waren ja auf dem weg zurück Richtung Deutschland und es lag einfach gut auf unsrer Route. Wir hatten ehrlicherweise vorher noch nie von der Stadt gehört und sind rückblickend glücklich, das wir sie und angeschaut haben.
      Was uns nicht überrascht hat, waren die Menschen: Wir waren uns sicher, dass sie sehr nett seien würden, und sie waren es dann auch.
      Grüß die Subotica von uns, wenn du man wieder dort bist :)

  2. Ja das klingt schonml gut… also war das sozusagen ein Trip ins Ungewisse :) aber ja bis jetzt hat du eigentlich nur posivites gesagt! Gibts auch irgendwelche negativen Sachen? Würdest du bzw ihr nochmal dahin fahren wenn ihr in der Gegend wärt?
    Wie war die Verständigung auf Englisch?
    Ja alles klar mach ich :D

    LG

    1. Negativ war eigentlich nur, dass der Zug am nächsten Tag partout nicht kommen wollte ;) – nein im ernst: nichts Gravierendes.
      Englisch hat ganz okay funktioniert, gerade bei Leuten war Deutsch aber hilfreicher. Da wir aber beide wenigstens ein bisschen Russisch können, konnten wir uns viel herleiten (besonders von Schildern, etc) – denn Serbisch ist dem Russischem durchaus ähnlich.
      Ob wir noch einmal nach Subotica kommen? Gute Frage. Es ist bisher nicht geplant und wahrscheinlich können weit auch nicht gleich nächstes Jahr wieder, aber ausschließen würde ich es auf keinen Fall. Es war ein nettes Städtchen und wenn ich mal in der Nähe sein sollte und Zeit dafür habe, dann schau ich es mir sicher noch ein zweites Mal an.

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