Ein Tag in Sofia*

_MG_7264Das Hostel Mostel in Sofia hat sich die zahlreichen Auszeichnungen tatsächlich verdient, die an der Rezeption hängen: Mehrfach „Bestes Hostel Bulgariens“, unter den TOP3 Europas und den TOP10 der Welt. Bewertet wurde es dabei nicht von Hoteltestern, sondern von ihren Gästen. Und hier kommt der Skandal: Bestechung!
_MG_7244Systematische Bestechung ist der Weg zum Erfolg unserer Unterkunft: Den unschuldigen Gästen werden kostenloses Abendbrot (das skandalöserweise auch noch offen beworbene „Free Dinner“ umfasst einen Teller Nudeln und ein Bier pro Person) und kostenloses Frühstück (All-you-can-eat-Buffet mit Brot**, Wurst, Käse, Rührei, Marmelade und Konfitüre, Obst, Gemüse, verschiedene Müsli- und Cornflakessorten, Quark, Saft, Tee und Kaffee UND eine Frau, die ständig für Nachschub sorgt und sich um den Abwasch kümmert) angeboten und zusammen mit den sauberen, ordentlich renovierten Zimmern***, der guten Atmosphäre, den freundlichen Mitarbeitern, der guten Lage, dem schönen Gebäude, – um es kurz zu machen: Diese Leistungen im Bereich der Perfektion, das ist nur Masche und Bestechung. Doch wir lassen uns nicht von dem leckeren Frühstück beeinflussen, oder den tollen Zimmern, nein: Wir halten uns an die harten Fakten. Unser knallhartes Urteil: Wieso sind wir nur so kurz geblieben?! Es ist soooooo geil! Das Frühstück! Das Abendbrot! Das Zimmer! Der Preis! Die Atmosphäre! Wahnsinn.
*räusper* Nach dem Frühstück checkten wir aus. Ich gab Schlüssel und Codekarte ab und musste noch einmal fix zum Bankomat um die Ecke – Kartenzahlung leider nicht möglich. Unser Gepäck durften wir im „Luggage room“ lassen und konnten befreit von allem Ballast die Stadt näher erkunden.
Sofia ist eine schöne Stadt. Zugegeben: Sie glänzt nicht überall, sie ist nicht besonders herausgeputzt oder auf Hochglanz poliert, aber sie hat Charakter und man sieht, dass man sich Mühe gibt, sie so schön wie möglich aussehen zu lassen. Zumindest im Zentrum****, also dem Teil, den wir gesehen haben, ist Sofia keine Betonhölle. Die Straßen und Fußwege könnten besser aussehen, andererseits las ich kürzlich Bulgarien sei das ärmste EU-Land***** – also kann man hier wohl auch keine Wunder erwarten. Was durchaus positiv zum Stadtbild beiträgt: Die Verkabelung ist dezenter. In Rumänien (unschlagbarer Weltmeister der wirren Fassadenverkablung) hängen von Haus zu Haus und von Strommast zu Strommast etwa 50 Kabel, von denen 10 einfach irgendwo aufhören und bis knapp über Kopfhöhe herunterbaumeln. Auch Sofia kann in der Hinsicht einige Konstruktionen bieten, die jeden deutschen Elektriker dem Herzinfarkt nahebringen würden, hätte ihr Azubi sie verbrochen – alles in allem aber ist es erträglich: Irgendwann gewöhnt man sich daran, das die Kabel für Klimaanlage und Werbeschild aus irgendwelchen Löchern des Nachbarhauses(!!) kommen und in leichtem Bogen 6-7m an der Fassade entlang führen.
_MG_7240Unser erster Weg führte uns über einen Obst- und Gemüsemarkt: sauber aufgestapelte, riesige (Fleisch-)Tomaten, Kartoffeln, Gurken, Zucchini, Zwiebeln, Äpfel, Pfirsiche, Berge von Pflaumen, Melonen, Beeren, Trauben – es war ein Traum. Am Rand des Marktes gab es Geschäfte voller Nüsse und Trockenfrüchte – am liebsten hätten wir alles leergekauft.
Als nächstes stand die große Markthalle auf dem Plan: ein hübsches Gebäude mit netten Ständen, die jedoch nicht mit dem davor besuchten Markt mithalten konnten.
Direkt gegenüber steht die Moschee******, von deren Besuch wir aber absahen: Lisa trug sehr kurze Hosen und ein schulterfreies Top – das ist bei katholischen Kirchen schon nicht gern gesehen und wir wollten ungern religiöse Gefühle verletzen. Aus selbigen Grund betrat auch nur ich kurz eine kleinere, recht schmucklose Kirche, die aber recht deutlich auf ihre Kleidungsvorschriften hinwies.
Die Alexander Nevski Kathedrale sahen wir uns dann wieder gemeinsam an: Die zweitgrößte orthodoxe Kathedrale Europas ist ein beeindruckendes Bauwerk: riesige Kronleuchter, goldene Verzierungen und beeindruckende Wand- und Deckengemälde. Leider besitzen wir nur zwei Fotografien davon, denn ein etwas verschroben aussehender Tempeldiener, maßregelte, wenn er nicht gerade die langen, dünnen Kerzen sortierte, alle die auch nur eine Kamera in der Hand hatten.
_MG_7270Unser weiterer Weg führte uns vorbei an einer kleinen, russischen Kapelle und dem am Tag zuvor explodierten Restaurant, dem gegenüber die Fernsehsender gerade Aufnahmen machten. Etwas erschöpft und müde – die Hitze machte uns zu schaffen – flüchteten wir uns ins Grand Hotel Café, wo wir uns mit je einem Cappuccino wieder aufputschten. Auf der Suche nach einem Souvenirgeschäft, durchstreiften wir die ganze Stadt – wir liefen durch die breite von Geschäften gesäumte Fußgängerzone, durch kleinere Gassen und sogar zur Touristeninfo an der Universität: Nichts! Kleider, Uhren, Schmuck, Anzüge, Hosen, Pullover, sogar Wollsocken und Fellmützen (sowie Brillen) findet man an jeder Ecke: Irgendwelchen Touristenramsch nirgends. Ich gebe zu das stimmt nicht ganz: Es gab EIN solches Geschäft, aber die Aufschrift auf den Taschen, T-Shirts, Kugelschreibern und Schlüsselanhängern lautete „I love London“. Fragt nicht: Ich verstehe es genauso wenig.
Zwischendurch hatten wir uns zwar kurz auf einen Eistee und ein Ginger Ale in einer Bar niedergelassen, in der ausschließlich Musik von Michael Jackson lief, doch es wurde Zeit etwas zu essen: Also erstanden wir zwei riesige Stücke Pizza und aßen diese, während wir in der Fußgängerzone Passanten beobachteten.
Auf dem Weg zum Hostel kauften wir in einem Lebensmittelgeschäft zwei Flaschen Wasser, sowie zwei Päckchen Cracker und vollbrachten dabei eine Meisterleistung des Zielkaufens: Unser verbliebenes bulgarisches Kleingeld wurde genau alle. Schließlich im Hostel, holten wir unser Gepäck, beobachteten den Koch in der Küche, dessen Fähigkeiten wir leider nicht prüfen konnten, und liefen zum Bahnhof.
_MG_7281Nach kurzer Wartezeit wurde das Gleis bekanntgegeben und wir fanden vier verlassene Waggons der serbischen Eisenbahngesellschaft vor. Unserer war der letzte davon. Recht unerwartet stand plötzlich der Schlafwagenbetreuer vor uns und bat uns einzusteigen. Vom Standard her rangierte dieses Modell etwa 2 Klassen unterhalb des letzten: eine wenig vertrauenserweckende Bettenkonstruktion, dreckige Kissen (ohne Bezüge) und (ebenfalls bezuglose) kratzige Stoffdecken. Wir beide nahmen es trotzdem ganz gut auf, schließlich war es billig – die Betten waren eigentlich ganz bequem und das ganze heißt ja gewissermaßen Abenteuerurlaub. Das Problem mit den Kissen ließ sich dann ganz gut lösen: Wir steckten sie einfach zwischen Bettlaken und Matratze.
Als Abteilgenossen durften wir dann eine ungarische Familie begrüßen: eine etwa 45 Jahre alte Frau mit ihrem Mann und ihren Eltern, die gerade auf der Heimreise aus dem Urlaub waren: Die Frau sprach gutes Englisch und war sehr nett. Da ihr Vater früher bei der ungarischen Eisenbahn gearbeitet hat und seine Spezialschlüssel noch besaß, bauten sie kurzerhand das Abteil um. Die nächste anderthalbe Stunde saßen sie auf einer Sitzbank, bevor sie diese wieder zum Bett umrüsteten.
Der Zug war kaum unterwegs, da rief der Schaffner schon „паспорт контроль“. Es liefen dann auch zwei Grenzbeamte durch den Wagen, wollten aber nichts sehen. Nach einer Weile hielt der Zug: Rumänische Kontrolleure kamen und sahen sich die Ausweise an. Es dauerte eine Ewigkeit bis der Zug wieder anrollte und endlich kühle Luft durchs Fenster strömte. Die serbischen Grenzer erschienen kurz bevor der Zug wieder losfuhr und wurden von uns wahrscheinlich ein Stückchen mitgenommen. Der Kontrolleur war sehr laut und eher unfreundlich – außerdem glaube ich, dass er etwas enttäuscht war, dass man unsere Ausweise nicht stempeln konnte – die Reisepässe unserer Abteilgenossen stempelte er mit großer Freude.
Als er gegangen war und der Zug wieder ins übliche Schaukeln und Rumpeln verfiel, konnten wir endlich schlafen. Wie immer im Nachtzug schlief ich glücklich und gut.

_MG_7298*in Anlehnung an den legendären Film „One Night in Paris“, hätte ich es gern „Eine Nacht in Sofia“ genannt – ist aber inhaltlich in jeder Hinsicht Käse.
**und Toaster
***wir hatten in anderen Unterkünften schon viel schlecht verlegtes Laminat, schiefe Fliesen, wackelige Waschbecken, unzureichend in der Wand verankerte Steckdosen (soll heißen: mittlerweile hingen sie heraus), über den Rand hinweggestrichene Farbe, schräge bis klecksige Muster, … – also all das was man vorfindet, wenn handwerklich mäßig begabte Menschen, mit Werkzeugen (und Farben) minderer Qualität und ohne so Dinge wie Abklebeband ihre Wohnung selbst renovieren. Ich schätze mindestens einer unserer Leser weiß was ich meine.
****ich meine den kompletten Stadtkern, also nicht nur den Markt und 3 Straßenzüge
*****eine Aussage die ich jetzt nicht belegen kann – wer eine verlässliche Quelle bieten kann, erhält eine von mir höchstselbst verfasste Postkarte.
******und gleich um die Ecke Synagoge und orthodoxe Kirche – friedliches Zusammenleben kann so einfach sein

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