Bulgarien, neues Lieblingsland

_MG_7058Morgens um 6 in Bulgarien. Wir zwei Reisenden wurden unsanft aus unseren Betten geklingelt. Da wir schon am Vorabend unsere Rucksäcke fast fertig gepackt hatten, dauerte es nicht lang, bis wir abmarschbereit waren. Die Tür zur Rezeption war verschlossen (vielleicht war das junge Fräulein mit ihrem Kerl irgendwo versackt, vielleicht hat die Rezeption aber auch einfach nicht die ganze Nacht geöffnet) – wir ließen also den Schlüssel stecken und machten uns auf den Weg zum Bahnhof._MG_7072Vor geschlossener Tür des Ticket- und Reservierungsschalters warteten wir gemeinsam mit einigen anderen Leuten darauf, dass sich die zwei Grazien hinter dem Eisentor dazu aufraffen, den Eingang freizugeben. Als dies dann geschah (und zwar keine Sekunde vor 7 Uhr), strömten die Massen hinein und Paul wurde in der Reihe etwas nach hinten gedrängt. Ich wartete in der Zwischenzeit draußen an den Gleisen und schaute abwechselnd nach drinnen und auf die Zeiger der Bahnhofsuhr. Ohne größere Probleme bekam Paul zwei Reservierungen für den Zug, der mittlerweile schon auf Gleis 3 bereit stand. Nachdem wir -und alle anderen Mitfahrer- gnadenlos an der automatischen Tür gescheitert waren (sie funktionierte nicht mehr wirklich automatisch – man musste mit einem kräftigen Ruck am Griff ziehen, damit dann genau eine Person hindurch gehen konnte, bis sich die Tür ohne Rücksicht auf Verluste wieder schloss), verscheuchten wir einen jungen Mann von unseren Plätzen, der es sich schon mit seinem Handy gemütlich gemacht hatte. Wir verstanden es zwar nicht ganz, aber wie sich herausstellte, hatte er den Sitz neben uns gebucht und brauchte nur etwas Abwechslung.
_MG_7020Die Zugfahrt war spektakulär. Die bulgarische Landschaft ist einfach nur wunderschön, Berge erheben sich links und rechts von der Bahnstrecke, kleine Häuschen stehen zwischen hohen Bäumen und an felsigen Klippen. Durch das Gebirge schlängeln die Flüsse und Bäche, die Sonne strahlte vom Himmel – einfach perfekt. Wenn wir nicht gerade schliefen, lasen oder am Handy Fußball spielten, klebten wir an den Fenstern des Zuges. Wir dachten uns, wenn Sofia nur halb so schön wird, wie das hier – dann lassen wir auf Bulgarien nichts mehr kommen. Und wir sollten nicht enttäuscht werden…
Mit 15 Minuten Verspätung (und damit ja fast Rekordzeit im positiven Sinne) erreichten wir den Bahnhof der Hauptstadt. Trotz den riesigen Löchern in unseren Bäuchen führte der erste Weg zum internationalen Ticketschalter – wir wollten rechtzeitig ein Bett im Nachtzug nach Belgrad buchen. Uns erwartete eine lange Schlange aus Backpackern, die -wie es klang- alle dahin wollten. Wir waren endlich dran, da sagte uns die Frau hinter der Scheibe, dass wir doch bitte in einer Stunde wiederkommen mögen, sie hätte im Moment keinen Zugriff auf das System für die Züge von morgen. Paul und ich stimmten überein, dass sie so aussah, als wusste sie einfach nicht, wo sie das Datum im Computer umstellen kann. Wir hatten also unerwarteterweise noch eine Stunde Zeit. Es wäre sinnlos gewesen, erst zum Hostel und dann zurück zum Bahnhof zu laufen, also kümmerten wir uns erst um unseren riesigen Hunger. In einem kleinen Restaurant (ist wohl zu viel gesagt, aber ich belasse es dabei) bestellten wir bei einer sehr seltsam wirkenden und anscheinend verwirrten Kellnerin jeder eine Pizza. Nachdem sie am Nachbartisch jedes Getränk einzeln gebracht hatte, kam auch unser Essen nacheinander. Es schmeckte trotzdem und bezahlt haben wir auch nicht viel. Gesättigt versuchten wir es noch einmal am Schalter im Bahnhof. Die gleiche Frau wie vorher stellte uns die gleichen Fragen. Morgen. Belgrad. Nachtzug. Bett. Das Resultat: „Not possible“. Sie brabbelte noch irgendetwas in ihren nicht vorhandenen Bart und kümmerte sich dann um den nächsten Gast. Im Schalter neben ihr, hatte die Kollegin anscheinend mitgehört und bat uns, zu ihr zu kommen. Innerhalb von 5 Minuten waren die letzten zwei Betten reserviert und wir konnten uns endlich auf die Suche nach dem Hostel machen.
_MG_7144Nach einer halben Stunde Fußmarsch erreichten wir den Platz von Mazedonien, der in der Wegbeschreibung der Unterkunft als Orientierung angegeben war. Schnell fanden wir dann den Eingang und schon bald standen wir gemeinsam mit einer anderen  (vermutlich aus China stammenden) Deutschen an der Rezeption vom Hostel Mostel. Die Dame hinter dem Tresen begrüßte uns sehr aufgeschlossen und freundlich. Obwohl sie Stress hatte, befragte sie uns nach unserer Reise (das Hostel ist riesig und der Empfangsraum vollgestopft mit junge Leuten – da darf man schon mal im Stress sein, zumal sie anscheinend alleine war). Sie zeigte uns auf dem Stadtplan die bedeutenden Sehenswürdigkeiten und teilte uns alles Wichtige über die Unterkunft mit. Unser Zimmer befand sich allerdings nicht im Hauptgebäude, sondern sie (wir wussten auch mal ihren Namen – sie heißt Minni, Ninni oder sowas in der Art) führte uns über die große Straße hin zu einem anderen Gebäude und zeigte uns den Raum. Es sollte wohl ein Vier-Mann-Zimmer darstellen, mit einem Doppelstockbett und einem normalen Doppelbett, welches wir allerdings ganz für uns allein hatten. Dusche und Bad befanden sich auf dem Gang, doch auch diese waren von der Sauberkeit her vollkommen in Ordnung. Wir machten eine kurze Verschnaufpause, zogen uns dann um und liefen in die Innenstadt. Von der Rezeptionistin _MG_7184hatten wir erfahren, dass in der Einkaufsmeile heute ein großer Markt war – leider war davon nicht mehr viel zu sehen, deshalb begnügten wir uns mit einem leckeren Eis. Nachdem genug Leute beobachtet waren, liefen wir weiter zu den anderen Sehenswürdigkeiten. In einem Park vernahmen wir Geräusche von Pfeifen und Vuvuzelas. Das klang ziemlich nach Demonstration. Schon vorher hatten wir gelesen, dass in Sofia zur Zeit (friedliche) Proteste gegen die Regierung im Laufen sind – und wir waren nun live dabei. Auf einer Kreuzung vor dem Regierungsgebäude hatten sich erstaunlich wenig aufgebrachte Bulgaren versammelt, die in Richtung des Hauses ihr Getröte losließen. Ebenso konnten wir Fernsehübertragungen beobachten und hatten die einmalige Chance bei einem Interview mitten durchs Bild zu laufen.
Mit Tinnitus im Ohr gingen wir nun in die entgegengesetzte Richtung, wir wollten zur großen Kathedrale. Doch wir kamen nicht weit, denn die Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr versperrten uns den Weg.  Auch viele Journalisten waren anwesend und knipsten fleißig Fotos. Wir kamen näher und bekamen einen Schreck, Auf der Straße lagen überall verschiedene Eisen-, Plastik- und undefinierbare Teile, ein Auto war an verschiedenen Stellen eingedrückt und ein Mann wurde gerade von einem Sanitäter behandelt. Auf den ersten Blick sah alles wie ein Autounfall aus, doch wir konnten uns diese Massen an Polizeiwagen nicht richtig erklären. Um es vorweg zu nehmen: Am Abend recherchierten wir im Internet und fanden heraus, dass durch eine Gasexplosion ein Chinarestaurant in _MG_7124die Luft geflogen war. Gäste, Kellner und vorbeilaufende Menschen wurden verletzt, Autos beschädigt. Fast das komplette Inventar der Gaststätte war auf die Straße geschleudert worden. Wir hatten also richtig Glück gehabt, dass wir einen Abstecher zur Demo gemacht haben…
Immernoch etwas aufgeregt setzten wir unseren Weg zur Kathedrale fort. Die Kirche ist prächtig geschmückt, sie trägt ein goldenes Dach und hat viele runde Kuppeln. Wir stellten mehr und mehr fest, was für eine schöne Stadt Sofia doch ist. Weiter ging es, vorbei an anderen tollen Bauten, bis zur Moschee. Wir hatten Glück, denn als sie gerade in Sichtweite war, begann der Muezzin (oder besser: der Lautsprecher) zum Gebet zu rufen. Nie zuvor haben wir so etwas gehört, doch zu unserer meiner Verwunderung packte niemand seinen Teppich aus und betete nach Mekka.
Auf dem Heimweg kauften wir uns unterwegs noch ein Bier und eine Bacardi Rum-Wassermelonen-Mischung und leerten diese im Gruppenraum des Hostels. Zurück in unserem Zimmer planten wir die nächsten Tage, duschten uns fielen schließlich zufrieden ins Bett.
Gute Nacht, du schönes Sofia!

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