Salsa, Shakespeare und gutes Wetter

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Brno, oder auch Brünn genannt, ist die zweitgrößte Stadt Tschechiens. Bekannt ist sie wohl für Motorradrennen (zumindest ist es das wovon unsere Elterngeneration beginnt zu sprechen, wenn der Name fällt). Für uns ist sie aus eher praktischen Gründen Reiseziel geworden: Sie liegt entlang einer wichtigen Bahnlinie, auf welcher man -wenn man möchte- von Berlin über Dresden, Prag, Bratislava, Budapest und Belgrad bis nach Sofia fahren kann.
Den ersten Teil der Fahrt nach Brünn (den in diesen heißen, polnischen Regionalzügen mit den eleganten roten Hartschalensitzen) habe ich ja bereits beschrieben. Positiv ist anzumerken: Es wurde besser. In Bohumin, kurz hinter der tschechischen Grenze, wartete ein um Welten besserer Zug. Wir schnappten uns ein Abteil und machten es uns bequem. Nach etwa zweistündiger Fahrt erreichten wir „Brno hlavni nadrazni“.
_MG_1800.JPG Wie im Interrailbegleitheft beschrieben mussten wir nun nur noch die Tramgleise überqueren und waren im Zentrum. Dieses wirkt sehr sauber und besonders im Gegensatz zu Breslau unglaublich westeuropäisch: dm, McDonalds, die zu Rewe gehörende Supermarktkette Billa, H&M, Rossmann, Schlecker(!!), Wüstenrot und sogar die Landesbank Baden-Württemberg. Man könnte genauso gut in einer deutschen Stadt sein – was die Geschäfte angeht gibt es kaum einen Unterschied._MG_1691.JPG
Wir marschierten also tapfer durch das Zentrum und es dauerte eine Weile bis wir eine Touristeninformation entdeckten. In dem kleinen, klimatisierten Glaskästchen bekamen wir eine Karte und ein Zettelchen mit dem Name einiger günstiger Unterkünfte. Eine in relativer Bahnhofsnähe erregte unsere Aufmerksamkeit. Also: Zurück durch die Stadt und auf zur möglichen Unterkunft. Die lag dann zwar doch etwas weiter weg, als die Dame aus der Info eingezeichnet hatte, aber immerhin sollte sie günstig werden.
Ein älterer Mann begrüßte uns an einem kleinen Tresen und musste eine jüngere Frau rufen, die wohl englisch sprechen sollte. So richtig gut war ihr Englisch auch nicht, aber es reichte. Zimmerpreis 260Kč pro Person – also knapp über 10€. Zahlbar nur in Kronen und mit denen waren wir eher schlecht ausgestattet. In einem düsteren Nebenzimmer durften wir unser Gepäck abstellen und liefen zurück in die Stadt zum Geldwechseln. Neben dem Wechselschalter befand sich praktischerweise eine Eisdiele und so konnten wir das Geld direkt ausprobieren.
Bei unserer Wiederankunft in der Herberge erwartete uns nur noch der ältere (etwas müffelnde) Mann, kassierte das Geld (und gab uns zuviel zurück) und führte uns gestikulierend und tschechisch gewürzt mit deutschen Wortfetzen brabbelnd durch die etwas heruntergekommene Unterkunft. Nicht hübsch, aber zweckmäßig.IMG_1783.JPG
Ab ins Zentrum! Erster Stopp: Billa. Wir hatten Durst und deckten uns reichlich mit Getränken ein. Die ebenfalls gekauften Pfirsiche wurden auf einer Bank auf dem Marktplatz verspeist. Wir saßen dort recht lange und beobachteten das bunten Treiben und die Straßenbahnen, die in regelmäßigen Abständen an uns vorbei rollten. Wir sahen ein etwas ungewöhnliches, zäpfchenförmiges Denkmal, das aus rotierenden, schwarzen Steinplatten bestand und den mutigen Bürgern von Brno gewidmet ist. Wenn ich ein schönes Foto finde, schreibe ich die Details dazu gern noch nieder.
Da es in unserer Unterkunft kein WLAN gab, flüchteten wir uns aus Routenplanungsgründen in das örtliche McDonalds. Es wurden schnell ein paar Routen gegoogled und eine Entscheidung getroffen. So leicht kann es gehen.
Mit etwas Bier und Verpflegung für den nächsten Tag ging es auf Sightseeing-Tour. An einer gotischen Kirche ging es vorbei auf den Spielberg. Wir genossen das Panorama quatschten und schossen ein paar Fotos. Zu unserer Überraschung war auf der Burg mächtig was los – es wimmelte nur so vor gut gekleideten Leuten. Nach etwas Research stellte sich heraus: In der Burg fand eine Theatervorstellung statt – Shakespeare. Wir machten ein paar Fotos und genossen die Aussicht. In die Vorstellung konnten wir nicht – während man über die unpassende Kleidung noch hinweg sehen könnte, über die Abwesenheit von Tickets kann man das nicht.
Wir gingen wieder bergab und steuerten auf einen Obelisken (gewidmet den Böhmen und Mähren) und die Peter und Pauls Kathedrale zu. Hier blühte wieder einmal das Leben: Etwas unterhalb der beeindrucken und alles überragenden Kathedrale lief laute Lateinamerikanische Musik und es wurde Salsa getanzt. Ein fantastisches Erlebnis.
Für uns jedoch war es Zeit zu gehen. Der Tag war lang und wir wurde müde. Gute Nacht Brno – auch du bist viel schöner als erwartet!
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Wie die Zeit vergeht: Heimreise

Da steht er also: Der letzte Nachtzug. Schon komisch – eben hat der Urlaub begonnen und schon ist er wieder vorbei. Fast zumindest, denn zunächst sollten wir versuchen unsere Plätze zu finden. Mittlerweile haben wir ja richtig Erfahrung in dieser Disziplin und so dauert es nicht lange bis wir in einem Abteil sitzen.
Noch sind wir allein, aber laut Reservierungskärtchen an der Tür wollen noch 2 weitere Leute mit uns fahren. Wenig später kommt dann auch eine Frau (Deutsch, Mitte – Ende Zwanzig, Stimmung eher so mittel) und nimmt einen der beiden Plätze ein – der Andere bleibt vorerst frei. Die Gute ist zwar nicht so gut gelaunt, quengelt etwas herum und scheint sich nicht wirklich auf die Zugfahrt (für sie bis Berlin) zu freuen, aber mit ihr kann man sich gut arrangieren. Ein wenig Zustimmung hier, ein bedächtiges Nicken da – schon ist sie zufrieden und lehnt sich zurück.
A propos Zurücklehnen: Dieser Wagen (seltsamerweise im Besitz der MAV-Start, also der Eisenbahngesellschaft Ungarns – seltsam weil: in Prag eingesetzt, über Dresden und Berlin, Endhalt Warschau) übrigens verfügt über Sitze mit Liegeposition – leider ist es eher eine Sparvariante. Vielleicht sind auch einfach die Schrauben locker geklappert, denn der Winkel der Lehne ändert sich um schätzungsweise 2° und die Sitzfläche rutscht sagenhafte 4cm nach vorn. Luxus pur also.
Durch die 3 freien Sitze konnte ich es mir richtig bequem machen und gerade als ich schlafbereit war, hielt der Zug in Wien-Meidling und es stiegen weiter Passagiere zu. Weg war er, mein Platz zum Füße hochlegen. Manchmal verliert man – und manchmal gewinnen eben die Anderen. Eine Weisheit, die einer meiner Bauhofkollegen gern benutzte.
Der letzte freie Platz im Abteil führt dann bald zu einer Umsortierung, in deren Folge mein Fußplatz wieder frei wurde. Ich schlief zufrieden und einigermaßen bequem ein. In Pardubice wachte ich wieder auf (zwischendurch war ich kurz wach, weil wie üblich nach meinem Ticket gefragt wurde, aber das stört routinierte Nachtzügler nicht) und zusammen mit Erik stellte ich fest, dass wir theoretisch schon in Prag sein sollten. Es war immerhin um 4. Die beiden zuletzt Zugestiegenen verließen den Zug und es wurde wieder etwas Platz im Abteil. Schlafen ging trotzdem nicht mehr so wirklich. Also philosophierten wir etwas herum und schon etwa 5:15Uhr, also mit nur etwas mehr als einer Stunde Verspätung waren wir tatsächlich in Prag.
Da die Gepäckabgabe noch geschlossen, und alles in allem auch nicht übermäßig billig war, entschieden wir unseren Aufenthalt im Bahnhof zu verbringen. Die Geschäfte hier gehören sowieso zu den ersten die öffnen und draußen ist auch nichts los. Schon um 6 öffnete der örtliche Billa, wo wir nach kurzer Preis- bzw. Währungsgewöhnphase ein Frühstück zusammenkauften.
In der Wartehalle verbrachten wir dann recht müde die nächsten 2 Stunden. Und zwar mit Essen, Lesen, Musik hören und Leute beobachten. Gerade Letzteres lohnt sich immer wieder: Es ist erstaunlich wie man gewisse Stereotypen überall wiederfindet. Meine Lieblinge sind ja die Alternativen, von denen man rein optisch 3 Kategorien unterscheiden kann: (1) die in lockerer Leinenkleidung, (2) die mit irrsinnig teurer Marken Wander- und Campingausrüstung, sowie (3) die Mischform aus 1 und 2. Doch trotz scheinbarer Gegensätze sind sich alle Ähnlich – und irgendwie auch ganz sympathisch.
Wie dem auch sei. 8:50 Uhr war dann unser Zug nach Decin auf Gleis 7 angekommen und wir schnappten uns ein leeres Abteil, dass wir nach der Fahrkartenkontrolle verschlossen um etwas zu schlafen. Platz hatten wir genug, geschlafen habe ich auch entsprechend gut, aber die (kunst-[?])ledernen Sitze waren als Unterlage doch eher widerlich – wer bitte liegt gern auf solchen glatten, atmungsunaktiven Oberflächen?!
In Decin ging es weiter in den nächsten Zug, der überraschenderweise der DB gehörte. Ein tschechischer Schaffner, der zwar keine Silbe Englisch konnte, aber umso besser gelaunt war, kontrollierte uns sehr nett, konnte aber leider keine Auskunft geben, wo wir ein Sachsenticket bekommen könnten, bzw. warum der Fahrkartenautomat im Zug ausgeschaltet ist. Da auch an der Grenze kein Personalwechsel erfolgte konnten wir einfach bis Bad Schandau durchfahren und dort am Automat eins erwerben.
Zum Glück muss man sagen, denn als die Schaffnerin durch war, sagte ich zu Erik: „Kennst du diese Wesen mit den Flügel hinten dran, die Feuer spuken?“ – denn das war die wohl treffenste Beschreibung für die gute Dame. Knallhart. Sie traut scheinbar keinem, denn Erik musste zu seinem Sachsenticket den Ausweis vorlegen (sie wollte überprüfen, ob der Name auf dem Ticket tatsächlich einer unserer Namen ist – eine Praxis, die ich so zum ersten Mal gesehen habe) und von einem älteren Mann, wollte sie einen Berechtigungsschein vorgelegt bekommen – ich glaube es ging um eine von ihm in Anspruch genommene Vergünstigung und ich glaube auch, dass das Vorzeigen dieser Berechtigung nicht zum Standart gehört: der gute Herr war doch recht überrascht von dem Wunsch unseres Drachens.
Dresden kam dann recht bald und mit Dresden kam eine einstündige Wartezeit, die selbstverständlich sinnvoll genutzt wurde: Wir gingen Essen.
Der vorletzte Zug der Reise (der Franken-Sachsen-Express, der uns nach Zwickau brachte) war nach dem zweiten (dem Franken-Sachsen-Express, der uns von Zwickau nach Dresden brachte) der schlimmste der ganzen Reise. Die Neigetechnik verursacht auf dieser Route katastrophale Schwankungen und man neigt zur Seekrankheit. Siehe Prag – die Reise beginnt.
Empfangen wurden wir natürlich auch ganz brav, als wir pünktlich 15:17 Uhr in Crimmitschau ankamen. Heimat, du hast uns zurück.

Prag – Die Reise beginnt

P1040163.JPG Wir sind in Prag. Station 1 unserer Reise ist erreicht und wir haben schon eine Menge erlebt.
Der Tag begann am Bahnhof Crimmitschau, wo wir von Hannah und Lisa verabschiedet worden – Danke nochmal!*
Zwickau war schnell erreicht und mit Zeitung und frischem Handy-Guthaben ging es in den Zug nach Dresden. Der Zug besaß die hochgelobte Neigetechnik und der Lokführer versuchte scheinbar die Verspätung wieder herauszuholen – Resultat: Uns war streckenweise nicht ganz wohl und dank unseres Sitzplatzes an den Toiletten sahen wir, dass es vielen noch schlimmer ging. Ein älterer Herr übergab sich 4 Mal – das letzte Mal vorm Aussteigen – gegen die Tür.
Aber auch solche Fahrten gehen vorüber und in Dresden unternahmen wir etwas gegen das Rest-Unwohlsein. Wir gingen Essen.
P1040151.JPG Die weitere Fahrt war etwas komplizierter: Mit der S-Bahn nach Bad Schandau und von dort über Schöna nach Decin, wo uns ein wahrlich fantastischer Zug erwartete..
Ich komme ins Schwärmen wenn ich darüber nachdenke. Es war ein relativ altes Modell (zumindest in meiner Zeitrechnung – die ja 1992 beginnt) mit kleinen, gutgepolsterten und abschließbaren Abteilen. Fenster konnte man öffnen, Tische herunterklappbar, Licht zum Anschalten und .. spätestens jetzt haltet ihr mich für verrückt.
Der Bahnhof in Prag wirkt im Inneren des Neubaus recht modern – leider trübt der Altbau den Eindruck. Der ist zwar an sich ein prächtiges Gebäude, wirkt aber eher wie eine Ruine.
Nichtsdestotrotz ist Prag eine schöne Stadt. Nach etwas planlosem Herumgestolpere durch Bahnhof und Straßen erreichten wir dann die Touristeninfo, die leider sehr inkompetent wirkte – man schickte uns zum Unterkunft suchen ans andere Ende der Stadt. Zum Glück liefen wir kurz im Kreis und entdeckten RITCHIES HOTEL & HOSTEL, wo wir für 17,5€ (Europreise mit Kommastellen lassen hier überall die 0 vermissen, was wohl daran liegt, dass Kronenpreise kein Komma haben) pro Kopf im 12 Bett Zimmer mit Schränkchen und Internet.
Gepäck wurde eingeschlossen und nach 2 Minuten zu Fuß standen wir mitten auf der Karlsbrücke. Die andere Flussseite wurde dann solang erkundet, bis der Hunger uns in ein Restaurant trieb. Auf Vorspeise folgte Hauptgericht und danach kam ein Eis – dazu ein Staropramen. Etwa 800 Kc leichter (15% Servicepauschale und 30Kc Gedeckpreis waren schon enthalten) ging es eine weitere Runde durch das sich verdunkelnde Prag. Beeindruckend!

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*von mir persönlich noch ein Dank an meine liebe Frau Mutter für Para und Brumbrum